Zum Anhören:
(MP3) von Christoph Stender
Trauen Sie den Realitäten und quälen Sie sich nicht länger mit der Schminke zeitlosen Lebens, machen wir es also kurz, Sie haben keine Zeit mehr.
Das sagt so eher niemand, und zwar schon deshalb nicht, weil es keiner hören will. Aber sie ereignet sich trotzdem täglich neu, wohl in unterschiedlicher Dichte, die Tatsache keine Zeit mehr zu haben.
Auf den Punkt gefragt, wissen Sie am heutigen Tag wofür Sie ganz sicher Zeit haben werden? Ein Beispiel: Sie beginnen sich die Zähne zu putzen, aber wieviel Zeit Sie dafür haben werden ist offen, bis zum Klingeln des Telefons vielleicht, bis ihr Nachwuchs quengelt, der Akku der Elektrischen leer ist, oder bis Sie einfach umfallen. Wir können uns zwar vornehmen unsere Zeit einzuteilen, aber immer unwissend wieviel Zeit wir real haben werden.
Rechnen wir mal rückwärts! Sie werden Zeit haben um zu sterben, eine bestimmte Zeit lang sind Sie vielleicht krank, auch werden Sie eine Zeit in Altersruhe leben, und Ihre Zeit am Arbeitsmarkt ist auch begrenzt, ganz zu schweigen von der „neuen Zeit“ mit Covit-19. Wir leben auf Zeit, täglich und ein Leben lang, und das erst einmal mit Apostroph auf ewig.
Das Buch Kohelet beschreibt das so: „Es gibt eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen…“ (Kohelet 3, 2-4)
Real und in Anlehnung an die Erkenntnis wie im Buch Kohelet beschrieben ist festzuhalten, dass wir in Teilzeit unser Leben leben und erleben.
Warum nicht dann, wenn es so ist, sich immer wieder gewollt für die Teilzeit des Lebens im Leben entscheiden und sich nicht von ihr vorführen lassen? Das geht nicht in allen Lebenssituationen, leibliche Mutter geht nicht auf Zeit, wie auch der biologische Vater nicht. Trotzdem gibt es Mütter und Väter auf Zeit.
Etwas auf Zeit machen zu können erfordert in unserer Zeit oft Sicherheiten, die gewünscht zeitlos vorhanden sein sollten. Auf Zeit ein Auslandsjahr zu machen und das nicht nur als junger Mensch, erfordert auch Zeiten übergreifender, z.B. finanzieller Sicherheit. Auf Zeit zu missionieren, konkreter eine Idee umzusetzen, einem Anliegen sich anzuschließen, eine Institution zu stärken oder einfach loszulaufen bedeutet „wortgewand“ mehr Teilzeiten des Lebens leben.
Vor diesem Hintergrund, allerdings theologisch, dogmatisch und kirchenrechtlich verkürzt, darf auch die Frage gestellt werden: Geht Priester, Priesterin auch auf Zeit in unserer Kirche? Christ und Christin sein ist von der Sache her eher zeitlos!
Die Zeit des Lebens als Teilzeit gedeutet ermöglicht neue (Über-) Lebensmodelle, diese aber erfordern Mut!
Man könnte mit Blick auf die Situation der törichten Jungfrauen im Gleichnis summieren „dumm gelaufen“, oder etwas anspruchsvoller bemerken „wer zu spät kommt, den straft das Leben“.
Vordergründig ist mit diesen Feststellungen die Pleite der Jungfrauen, das Fest aus eigener Dummheit verpasst zu haben, ins Wort gebracht.
Aber hier geht es nicht nur um ein Zu spät, sondern es geht auch um den Respekt vor der eigenen Erwartung.
Die Törichten haben das Faktum Warten als Bestandteil ihrer Erwartung nicht ernst genommen. Sie haben den Faktor Geduld als Element der Erwartung nicht mit eingerechnet. Daraus folgte das ihre Kalkulation der vorzuhaltenden Ölmenge falsch war, und in Folge das Licht aus.
Wer Erwartung hegt, wer auf etwas wartet, der sollte den Faktor Wartezeit mit einkalkulieren. Etwas zu erwarten bedeutet immer auch Lebenszeit zu investieren, weil das zu Erwartende erwartet werden will.
Wartezeiten sind unterschiedlich lang und werden oft kulturell gewachsen unterschiedlich eingeordnet zwischen verschenkter und zu gestaltender Zeit.
Die Christinnen und Christen sind Profis was das Warten angeht, auch wenn sie sich dessen nicht immer bewusst sind.
In Jahreszahlen gemessen warten sie gemeinsam schon über 2000 Jahre. Wie lange jeder einzelne schon warten hängt vom eigenen Alter ab. Worauf der Christenmensch wart? Er wartet auf die Wiederkunft Christi, stimmt doch, oder?
Das diese Wartezeit keine verschenkte, sondern gestaltete Zeit ist, verdichtet das Dritte Hochgebet der Eucharistiefeier:
„Wir verkünden sein heilbringendes Leiden, seine glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt und erwarten seine Wiederkunft.“
So verbringen Christen Wartezeit, verkündigend und ihr treu entsprechend handelnd.
Viele der Texte, die im Buch der Bücher erhalten sind, gründen in ihrer ursprünglich mündlichen Verbreitung. Die Weitergabe von Mund zu Mund wurde deshalb zur Überlieferung, weil die Erzählung als verlässlich eingestuft wurde. Der Garant der Verlässlichkeit der Worte aber war die Glaubwürdigkeit der ersten Erzähler.
Hätten ihre Zuhörer damals auch nur den leisesten Verdacht gehabt die Worte wären nicht wahr, Fake News würden ihnen untergejubelt, also Lügen verbreitet, dann wären diese Worte schon damals verflogen, und das Evangelium hätte es nicht zu uns geschafft.
Der Beginn des Johannesevangeliums lebt ebenso von der Glaubwürdigkeit der Person des Täufers Johannes. Er nimmt für sich in Anspruch, als Zeuge in Gottes Namen aufzutreten, allerdings mit der Intention, nicht auf sich selbst zu zeigen, sondern auf eine Person, die nach ihm kommt. Johannes steigert seinen Autoritätsanspruch im Dienst seines Anliegens noch dadurch, dass er sich selbst klein macht und feststellt: Dem, der da kommt, bin ich es nicht wert, die Schuhriemen zu lösen.
Johannes setzt seine ganze Autorität auf eine Karte, um dem angekündigten Jesus Gehör zu verschaffen. Mehr noch, er macht mit dem Verweis auf den Kommenden sich selbst zum Hintergrund, auf dem Jesus zum Vordergrund wird. Johannes ist mit dem Einsatz seiner Autorität die Starthilfe, durch die die größere Autorität Jesu sich entfalten kann.
Der Verlässlichkeit der frühen Zeugen verdanken wir unsere heiligen Schriften. Die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift hängt nicht von den Überzeugungen oder vom Lebenswandel der Lektoren ab, die aus ihr vorlesen. Anders verhält es sich mit der Glaubwürdigkeit der Erzählgemeinschaft, die aus den Worten der Bibel und deren Interpretation lebt – der Kirche –, und der Vertrauenswürdigkeit besonders derer, die in ihrem Namen sprechen.
Ohne Glaubwürdigkeit interessieren ihre Botschaften niemanden, auch wenn sie in den Worten Jesu begründet sind und für eine christliche Lebensqualität relevant sind. Vertrauen hat unsere Kirche in weiten Kreisen der Gesellschaft verloren, Tendenz steigend. Dagegen setze ich eine Hoffnung, die in der Sehnsucht vieler Menschen gründet, ehrliche und verlässliche Worte zu hören.
Möge die Verlässlichkeit des Wortes Gottes nicht Schaden nehmen an der Unglaubwürdigkeit so vieler gesprochener Worte in unserer Kirche. Und mögen jene, die für unsere Kirche das Wort erheben, durch die Kraft der überlieferten Botschaft Jesu zurückfinden zu einer Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Worte.
Die ersten Worte des Evangeliums, auch schon bevor sie aufgeschrieben waren und erst später dann zum Evangelium nach Markus wurden, lebten von der Glaubwürdigkeit derer, die sie erzählten.
Hätten die Zuhörerinnen und Zuhörer damals auch nur den leisesten Verdacht gehabt die Worte wären nicht wahr, Face News würden ihnen untergejubelt, also Lügen verbreitet, dann wären diese Worte schon damals verflogen, und das Evangelium hätte es zu uns heute nicht geschafft.
Die Autorität des Neuen Testament ist begründet in der Glaubwürdigkeit derer, die damals von ihren unterschiedlichen Begegnungen mit Jesus und seinen Jüngerinnen und Jünger berichteten und diese dann auch zu Papier gebracht haben.
Deshalb wird die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift heute nicht notwendig durch glaubwürdige Erzählerinnen und Erzähler gewährleistet.
Allerdings die Erzählgemeinschaft, die aus dem Wort der Heiligen Schrift lebt, die Kirche also, und jene, die vorgeben in ihrem Namen zu sprechen, bedürfen der Glaubwürdigkeit. Ohne Glaubwürdigkeit verpuffen ihre, in den Worten Jesu begründeten Botschaften, die beanspruchen relevant sein zu wollen für eine christliche Lebensqualität in unserer Gesellschaft.
Aber genau diese Glaubwürdigkeit hat unsere Kirche in weiten Kreisen der Gesellschaft verloren. Und der Verdacht der Unglaubwürdigkeit ihrer Worte hat in den letzten Wochen weiter zugenommen.
Möge die Glaubwürdigkeit des Wortes Gottes nicht Schaden nehmen an der Unglaubwürdigkeit so vieler ausgesprochener Worte in unserer Kirche. Und mögen jene, die für unsere Kirche das Wort erheben, durch die Glaubwürdigkeit der überlieferten Botschaft Jesu im Evangelium, zurückfinden zu einer Glaubwürdigkeit ihrer Worte als Kirche.
Lassen Sie mich beginnen mit einem Erlebnis in meiner frühen Jugend. Mein Nennonkel Otto, Jugendkaplan meines Vaters in Hannover und später Freund der ganzen Familie, ein Salvatorianer Pater, wirkte in einem kleinen Dorf unweit von Aachen. In den Sommerferien war er auch eine Urlaubsadresse. Wenn ich dann in den Ferien bei ihm war ministrierte ich auch in „seinem“ morgendlichen Gottesdienst. Einmal, wenige Minuten vor dem Einzug, drückte Onkel Otto mir das aufgeschlagene Lektionar in die Hand und meinte: “fliege mal drüber und dann kannst du ja die Lesung übernehmen.“ Kaum hatte ich den Text überflogen, zogen wir ein: “Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn…!“ Eigentlich neben mir stehend, so mein Empfinden, habe ich die Lesung aus dem Alten Testaments, mit den vielen Namen von Stämmen und Königen vorgetragen. Nach dem Gottesdienst kam eine Frau in die Sakristei die mich überschwänglich lobte: “Du hast ganz toll vorgelesen, eigentlich hast du ja erzählt als wärest du dabei gewesen“.
Unsere biblischen Texte waren ursprünglich Erzähltexte, bevor sie aufgeschrieben, zugeordnet und einer Leseordnung übergeben wurden. Die biblischen Texte halten fest was Menschen im jesuanischen Radius erlebt hatten, und in „ihren“ Worten der Zukunft erhalten wollten. Im Vortrag biblischer Lesungen geben wir diesen Menschen ihre Stimme zurück. Wir horchen so auf deren und nicht die eigenen Worte, um durch sie aufzuhorchen. Als Christinnen und Christen sind wir von Anfang an eine Erzählgemeinschaft in der gilt, „der Glaube kommt vom Hören“ (Röm 10,17).
Zu erzählen, die freie Rede also, bedeutete nicht nur Fakten vermitteln, sondern auch Emotion und Empathie. Erzählende Worte sollten spüren lassen wie sehr die Erzählerinnen und Erzähler selbst begeistert sind von dem, was sie erlebt haben, und dass sie nun drängte anderen davon mitzuteilten.
Zurück zur Liturgie: Sie ist teilweise aus der jüdischen Tradition erwachsen, ein sich in 2000 Jahren Christentum immer wieder findendes, heute mehr festgelegtes Ritual. Bis auf die Predigt des Priesters ist dort längere freie Rede nicht vorgesehen.
Die Orte also, an denen Gottesdienste gefeiert werden sind keine rhetorischen Räume wie in der Antike die Agora in Athen oder das Forum Romanum in Rom. Wie aber aus der Liturgie, die über sie hinauswachsende Konsequenz die Diakonie ist, so sollte eine weitere Folge aus der Liturgie die Konsequenz sein, weiterzuerzählen was in ihr verkündet wurde. Wortgewand schließe ich hier an das an, was der Evangelist wohl mit seinen Worten gemeint hat: „Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Lk 6,46)
Dann könnte aus unserem Hören eine neue Erzählung aufstehen, die zum Beispiel so beginnt: Und es begab sich aber zu der Zeit, …
Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen
Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.