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Dankgebet

Dieser Dank ist einfach.
Ich weiß, mein Gott des Lebens,
das bescheidene Wort ist dir sehr lieb.

So danke ich für das gute Wort,
das mein Herz in dieser Feier
unseres Glaubens spüren durfte.

Meinen Dank möchte ich auch in Jesus Christus,
deinem Sohn, dir sagen, das ich sein durfte,
hier, der ich bin und in dem du mich umarmst.

Danken will ich nun für den Geist,
den du uns zumutest, deinen Geist,
der lebendig macht und mich erleben lässt:
ich bin nicht allein.

Ja, zu danken ist mein Wunsch
auch euch, mit denen ich gemeinsam feiern durfte.
Zu hoffen wagen und zu glauben.
Einfach Danke sagen möchte ich Dir, mein Gott,
nach dem wir uns sehnen.

 

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Alle in der Verantwortung

Der Bundesfinanzminister ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. Gerade dann, wenn Politiker meinen, nun endgültig das gesamte Debakel der Staatsfinanzen erkannt zu haben, meldet der „eiserne Hans“ sich mit neuen Horrordefiziten zu Wort.

Die große Politik wird auch in dieser verheerenden Situation nicht müde, mit Begriffen wie Eigenheimzulage, Mindestbesteuerung, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Veräußerungsgewinnen, Steuervergünstigungsabbau und Mehrwertsteuer vor den Augen derer zu jonglieren, die letzten Endes die Zechen zahlen werden – wir.

Was das konkret für unsere Stadt bedeutet, bleibt abzuwarten, eines jedoch ist klar, die Visionen vom Abbau an allen Ecken und Enden des Haushaltes werden noch inflationärer.

Dass gespart werden muss, auch in unserer Kommune, dürfte hoffentlich allen klar sein. So schauen die Aachener wieder einmal gespannt auf ihre Politikerinnen und Politiker in der Erwartung, von ihnen endlich tragfähige Lösungen zu hören und keine wohlfeilen Wahlversprechen.

Aber ist es angemessen in dieser Situation, als Bürgerinnen und Bürger, die wir das Gemeinwohl bilden, Lösungen nur von der Politik zu erwarten, sich selbst aber beunruhigt zurücklehnen mit der Mentalität eines Schafs, das irgendwann zur Schlachtbank geführt wird?

In der berechtigten Diskussion um Sparen und Kürzen wird nur auf Zahlen geschaut. Der größere Reichtum unserer Stadt, die Kreativität und die Mitverantwortungsbereitschaft derer, die unserer Stadt ihr Gesicht geben, bleibt zu oft unberücksichtigt.

Wir sind auch Steuerzahler, wir sind auch Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Talenten aber ebenso Bürger und Bürgerinnen, von denen viele breit sind sich an unkonventionellen Lösungen der finanziellen und somit auch gesellschaftlichen Herausforderungen zu beteiligen.

Eine solche Mitverantwortung muss aber auch von den Verantwortungsträgern gewollt werden, und darf nicht nur auf den Schultern derer lasten, die sich sowieso schon für unsere Stadt ehrenamtlich engagieren.

Die Frage der Beteiligung kann sehr unterschiedlich lauten: Wie können sich z.B. die Bürgerinnen und Bürger an den Kommunikationsmöglichkeiten auf den öffentlichen Plätzen unserer Stadt beteiligen.

Was können wir beitragen zu einer in das Stadtbild integrierten Jugendkultur. Welche Mitverantwortung können wir für unsere Spielplätze übernehmen? Wie beleben wir Nachbarschaftshilfe neu?

Muss jeder Konflikt vor der Justiz oder einem Schiedsgericht ausgetragen werden, oder können nicht bei niedrigen Streitwerten stadtteilorientierte Streitschlichter qualifiziert werden? Was können wir noch dazu beitragen, den internationalen und interkulturellen Austausch in unserer Stadt zu intensivieren …

Solche und ähnliche Fragestellungen sollten integriert werden in die Überlegungen von Kürzung und Streichung. Denn es gilt bei knapper werdenden Mitteln auch neue (alte) Schätze zu heben.

Quelle: Aachener Zeitung, 21.05.2003.
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Liebe ist ein zu schwaches Wort

Mit einem unmissverständlichen Bild vermittelt der Evangelist Johannes im heutigen Evangelium die existenzielle Beziehung, die uns, den gläubigen Menschen, mit Christus verbindet. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“, so die Worte Jesu. Wir alle können uns einen Rebzweig vorstellen, der vom Weinstock abgerissen am Boden eines Weinberges liegt. Es dauert kaum einen Tag, und er ist ausgetrocknet, verdorrt, unfähig zu überleben und so modert er vor sich hin. Dieses Bild lässt keine Fragen offen: Getrennt von Christus sind wir tot, auch schon mitten im Leben, und mit dem Tod ist dann endgültig Dunkelheit angebrochen.

Gegen solche Gottverlassenheit und Perspektivlosigkeit zum Tod bäumen sich so manche Texte der Lieder auf, die wir im Gottesdienst teilweise seit Jahrhunderten oft mit großer Inbrunst singen, um eben nicht wie eine vom Weinstock getrennte Rebe am Boden individuellen Verrottens zu liegen.

So beteuert der Text eines Liedes zur Fastenzeit: „Dich liebt o Gott mein ganzes Herz, und dies ist mir der größte Schmerz, dass ich erzürnt dich, höchstes Gut; ach, wasch mein Herz in deinem Blut!“ (Gotteslob 852). Ein Zeugnis atemloser Gottgefälligkeit gibt folgendes Christuslied: „Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier, ich will dich lieben mit dem Werke und immerwährender Begier; ich will dich lieben schönstes Licht, bis mir das Herze bricht“ (GL 558).

Niemandem, der in diesen Texten seine Beziehung zu Gott und Christus widergespiegelt sieht, möchte ich auch nur ein Wort dieser Strophen madig machen. Trotzdem frage ich, ob all jene mit diesen Aussagen auch tatsächlich mithalten können oder wollen, die solche Lieder in unseren Gottesdiensten singen und hören. Können andere Menschen, die auf der Suche zu Gott sind, in solchen Worten eine geerdete und nachvollziehbare Perspektive ihres Lebens entdecken? Treffen die Worte „Wir lieben Gott, wir lieben Jesus“ unsere gläubigen Empfindungen wirklich? Würden Sie die Frage, ob Sie Gott lieben, mit Ja beantworten? Ist das zärtliche Bekenntnis „Ich liebe dich“ geliebter Menschen identisch mit den Worten „dich liebt o Gott mein ganzes Herz“?

Welche Qualität hat denn das Wort Liebe heute, das sich in unserer Umgangssprache auf so Unterschiedliches bezieht. Der eine liebt seinen Dackel, andere lieben gute Reisen, wieder andere lieben einen guten Wein, ein schnelles Auto, den Duft der Rosen, lange zu schlafen, fetzige Musik, die Ruhe der Bergwelt oder einfach nur ein Gänseblümchen. Wenn Sie Gott lieben, lieben Sie ihn dann so wie Ihren Hund, wie eine kulinarische Köstlichkeit, ein Hightech-Produkt der Autoindustrie, eine geniale Komposition oder einfach nur wie ein Gänseblümchen?

Gerade weil dieses Wort Liebe alles und nichts sagt, fragt der Geliebte den Liebenden: „Was verstehst du unter deinem Wort Liebe“? Und wenn sich dann der Blick ganz auf das Gegenüber konzentriert, werden Worte gestammelt: „Du bedeutest mir alles, ich vertraue dir ganz, du bist mein Leben, bei dir darf ich sein wie ich bin, deiner Verzeihung traue ich, mit dir tanze ich mein Leben, leg deinen Leib als Mantel mir um. Und jeder, der solche Worte seinem geliebten Menschen zugemutet hat weiß, dass er mehr sagen wollte, viel mehr als: „Dich liebt mein ganzes Herz“.

Ich möchte in meiner Beziehung zu Gott mehr sagen als: „Dich liebt o Gott mein ganzes Herz“. Mit diesen anderen Worten, die auf den Begriff Liebe verzichten, wäre ich näher an dem, was ich nur unvollständig stammeln kann – auch als Rebe am Weinstock Jesus.

Erschienen in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 18.5.2003
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Nicht so viele Worte

Über den Tod Jesu gedichtet
Den Tod Jesu erforscht
Vom Tod Jesu gesungen
Über den Tod Jesu berichtet
Den Tod Jesu abgedruckt

Tausende Worte über den Tod Jesu.
Berge von Worten, die das Kreuz zuschütteten.
Ungezählte Worte, immer wieder Worte.

Was können sie noch sagen?

Schweigt!

Hört!
„Es ist vollbracht!“
Hört das Wort!
Schweigt!

© Christoph Stender
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Schlagzeilen auf dem Weg nach Emmaus

  • Ich kann es nicht begreifen. Wie konnte das alles nur so ausgehen.
  • Absolute Pleite, es war einfach nur eine Pleite. Hätte ich doch auf meine Familie gehört.
  • Du hast recht, mich haben sie auch für bekloppt erklärt. Ich solle besser anständig arbeiten, als diesem Typen nachzulaufen.
  • Es wäre ja auch zu schön gewesen, frei zu sein. Keine Knete mehr und die hohen Herren mal selber ans Arbeiten kriegen.
  • Meine Freundin hat mich laufend gefragt, was ich eigentlich an diesem Jesus so toll finden würde. Ich konnte das nie so genau sagen, es war eben so ein Gefühl, das mich nicht los ließ.
  • Also, ich fand das klasse, wie er die Händler einfach aus dem Tempel rausge-worfen hat. Mutig, wie er gesagt hat, das Haus meines Vaters ist keine Markthalle.
  • Ja, aber ich habe das nie verstanden, als er sagte: „Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind“ oder so ähnlich.
  • Na gut! Hast du denn verstanden, was er meinte? Ich gehe zu meinem Vater, um euch eine Wohnung zu bereiten?
  • Nun, ist doch auch egal. Du hast ja gesehen. War ja doch alles umsonst. Aus der Traum.
  • Dieses Kreuz, dieses verflixte Kreuz. Ich glaube, das kriege ich nie aus meinem Kopf.
  • Das dies auch so weit gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Er war doch kein Verbrecher, er hat doch nichts gestohlen, wem hat er denn was getan?
  • Ja, sicher! Aber hast du den Mund aufgemacht? Hast du dem Hohen Priester zugerufen: „Ihr begeht ein Verbrechen, diesen Mann trifft keine Schuld?“
  • Ich glaube, wir müssen dahinten langgehen, hier sind wir falsch.
  • Ob die Frauen nicht vielleicht doch Recht hatten und Jesus lebt wirklich?
  • Wie soll das denn gehen? Du hast doch selbst gesehen, wie sie Jesus die Lanze in die Seite steckten. Der war tot. Jetzt nach drei Tagen soll er auf einmal wieder rumlaufen?
  • Du hast recht, das kann gar nicht sein. Aber woher sollen die Frauen das denn sonst haben?
  • Alles nur Gerede, du weißt doch, wie die Leute sich in den letzten Tagen die Mäuler zerfetzten. Jeder weiß mehr, und überall waren sie dabei. Alles nur Wichtigtuerei.
  • Und das leere Grab, ist das auch erfunden? Die Frauen sagen doch, sie hätten es gesehen. Der Leichnam Jesu war weg!
  • Ich weiß, das habe ich ja auch gehört. Auch dass Engel da gewesen wären und so. Meinst du, das ließe mich alles kalt? Klar, ich muss auch ständig daran denken.
  • Es ist einfach nur zum Heulen. Was sollen wir denn nun machen? Wir können doch nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen!
  • Jetzt gehen wir erst einmal weiter, und du hältst den Mund. Wir sind nämlich nicht mehr allein!
  • Und wenn der uns nun fragt, was so los ist, wenn der uns jetzt fragt nach der Verurteilung, dem Kreuz, der Hinrichtung, nach dem Grab, den Frauen und nach alledem, was eben so los ist?
  • Da sagte er zu ihnen:
    Begreift Ihr denn nicht? Wie schwer fällt es Euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss? Noch in der derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück, uns sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.
© Christoph Stender
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Dem Raum …, der Kunst …, des Mahles …

Textfragment zum Thema: „Kunst, Kirche und Abendmahl heute“

Räume, denen das Vermögen innewohnt, dem Menschen eine Weite über sich selbst hinaus zu erschließen, die, wenn auch nur für Augenblicke, des Menschen zeitliche Selbstverwiesenheit aufbricht, sind Räume in denen ein arte fact über all das hinaus verweisen kann, was es per Definition sein sollte, oder in den Augen seiner Betrachter zu sein hat. Die reine Vorfindbarkeit eines arte fact entäußert solcher Raum zu Haltlosigkeit.

Ein einfacher Tisch, solchem Raum anvertraut, an dem „Traum Mahl“,   [? mehr]

ein „Traum des Mahles eines Wortes“   [? mehr]

der „Traum des Mahles der Vergebung“   [? mehr]

gereicht wird, ist arte fact, haltlos und so Zeitzeuge, Vision und Hoffnung zugleich.

Ein Beitrag zu der Installation „water into wine“ des Künstlers Rainer Junghanns, anlässlich seiner Kunstpräsentation in der Gethsemane-Kirche in Berlin, beim Ökumenischen Kirchentag 2003. Dieser Text war unter anderen in die Installation integriert sein und im Web veröffentlicht.
© Christoph Stender
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Ein Bild des Bösen

Fast beiläufig wird im Evangelium erwähnt, dass Jesus während seines vierzigtägigen Aufenthaltes in der Wüste auch vom Satan in Versuchung geführt wurde. Der Satan ist der personifizierte Gegenpart Gottes, der sich seinen Weg bahnt in dem menschlichen Fehlverhalten, das einer selbstgewählten Gottlosigkeit entspringt und so versucht, das Liebeswerk Gottes zu vernichten. Der Satan, Urbild des Bösen, hinterlässt seine lebensfeindlichen Spuren da, wo Menschen ihresgleichen vernichten, unterdrücken, vergewaltigen, töten.

Wo Lügen das Verderben einkalkulieren, Täuschung Fehleinschätzung produziert, Habgier Leben degradiert, Liebe in Floskeln sich gewandet und Macht nur dem eigenen Erhalt dient, auch da hinterlässt das Böse seine Spuren. All diesen teuflischen Mächten ist Jesus in der Wüste ausgesetzt. Doch er widersteht, traut der Botschaft göttlicher Liebe, die er selbst ist, und hinterlässt Spuren der Vergebung, der Menschlichkeit, der Liebe, und des Heiles.

DAS BÖSE: Darstellung auf dem Turm der Kathedrale Notre Dame in Paris.

In luftiger Höhe nun schaut in Stein gemeißelt die „Personifizierung“ des Bösen vom Turm der Kathedrale zu Notre-Dame auf Paris. Gelangweilt seinen Kopf auf Hände und Ellenbogen gestützt streckt er der Welt die Zuge heraus und erweckt den Eindruck, vor der praktizierten Liebe der Menschheit nun endgültig kapituliert zu haben. Welch teuflischer Hohn! Denn wenn diese Interpretation des steinernen Teufels stimmt, dann kann er eigentlich nur eine Person wirklich vor Augen haben, die ihn zu solchem Pessimismus Veranlassung gibt, Jesus Christus, der die Liebe ist.

Oder aber sinnt das Böse nicht doch über seine Unausrottbarkeit nach, und streckt ausschließlich uns Menschen die Zunge heraus nach dem Motto: Egal wohin ihr flüchtet, ich bekomme euch doch! In meinen Augen ist es dem Bildhauer gelungen, der noch heute gültigen Wahrheit des Bösen ein typisches Gesicht, Züge seines Wesens zu geben: Vor der göttlichen Liebe muss das Böse kapitulieren. Den Menschen, die wirkliche Zeichen der Liebe gegen das Böse setzen, will der Teufel grundsätzlich nicht trauen. Gewiss aber in jenen findet das Böse immer wieder seine Chance, die Gott und so der Liebe nichts mehr zutrauen, die Gott instrumentalisieren für die eigene selbstherrliche Sache oder die aufgegeben haben „Gott in allen Dingen zu finden“ (l. von Loyola). Die Bilder, die das Böse, oder den Satan personifiziert“ darstellen, hinken der Wirklichkeit hinterher. Aber sie fuhren uns vor Augen, dass nicht zu leugnen ist, was Bilder nicht fassen können.

Menschen gestalten die Realitäten des Bösen, und keiner von uns kann seine Hände in Unschuld waschen. – Die Fastenzeit lädt uns ein, dies wieder neu in den Blick zu nehmen. Sie will Zeit des Erkennens und Lernens sein, den vielschichtigen Gesichtern des Bösen und seinen Versprechungen nicht zu trauen, auch wenn sie noch so sympathisch daherkommen.

Gott hat in seinem Sohn Jesus Christus dem Bösen die Kapitulation teuer abgetrotzt. So mündet unsere vorösterliche Besinnung, auch auf die individuelle Schuldfähigkeit bezogen, in den Ruf: „0 glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden“ (Exsultet). Diese Erlösung umgibt jene, die dem Wort Gottes trauen. Auf diese Menschen hofft Gott, dass wir der Versuchung des Bösen widerstehen. Das bedeutet aber, das Böse in seinen vielen Facetten auch ernst zu nehmen.

Nur aus der Verneigung vor Gott erwächst der selbstbewusst aufrechte Gang des Menschen, der die Geburtsstunde des Widerstandes gegen das Böse ist, gegen all das, was das Leben verachtet und unterdrückt

Erschienen in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 9.3.2003
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Eine „Sache“ der Gewöhnung?

Aachen. Kockerellstraße, auf dem Pflaster sitzt ein Mann, circa Siebzig, weißes Haar, Stoppeln im Gesicht, droht zur Seite zu kippen, mit dem Rücken angelehnt an den Pfeiler eines Schildes, vor ihm liegt ein alter Hut.

Nur wenige Schritte weiter Richtung Markt, unmittelbar vor Kaiser’s, ich werde angesprochen: „Haben Sie etwas Kleingeld für mich?“

Rathaus Ecke „Postwagen“, ein junger Mann, versucht mit drei Kegeln zu jonglieren, am Boden vor ihm seine Mütze, eindeutig.

Katschhof Höhe Hühnerdieb, eine Person, zusammengekauert, starr nach unten schauend, vor sich ein Pappschild mit der Aufschrift: Für eine Mahlzeit.

Zehn Meter weiter, eine Gestalt, mürrisch dreinschauend und freundlich grüßend, diesmal eine auffordernde Frittenschale mit ein paar Cent vor den Füßen.

St. Foillan, eine ältere Frau, oft sitzt sie dort bis in den Abend, Tag ein, Tag aus, bei jeder Witterung, die Botschaft ihrer Haltung ist unmissverständlich.

Dem „Kreislauf des Geldes“ gegenüber, wieder einer, der stumm um eine Kleinigkeit bittet, und so weiter.

Es gab sie schon immer, Bettlerinnen und Bettler, denen auch heuteoft unterstellt wird, sie seien zu faul um zu arbeiten, oder würden mit der vorgegaukelten Bitte um etwas zu essen nur ihren Alkoholkonsum oder andere Abhängigkeiten finanzieren. In dieses undifferenzierte Meinungsbild passt das mittägliche Gespräch dreier Rentner in einer Aachener Kantine, die darin übereinstimmten, Bettlern grundsätzlich keinen Cent zu geben, „da die ja sonst nie lernen würden, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen“.

Aber auch ein Student meinte, das Problem mit den Bettlern simpel lösen zu können: „Schließlich gäbe es ja genug Stellenanzeigen, in denen jemand zum Putzen gesucht würde!“ Scheinbar haben einige der Mittellosen Aachens sich freiwillig entschieden zu betteln, und die Anzahl derer nimmt zu. Denn an so mancher Straßenecke steht schon heute nicht mehr nur Einer, der um eine milde Gabe bittet, nein, ohne Probleme kann der spendierfreudige Aachener auf engstem Raum gleich zwei und mehr Anfragen bedienen.

Wie viele Bettlerinnen und Bettler verträgt eigentlich das Aachener Stadtbild? Alle müssen ja den Gürtel enger schnallen, Sozialleistungen werden gekürzt, direkte und indirekte Steuern steigen, die Arbeitslosenzahlen sind weiter im Aufwind, und die sozialen Probleme nehmen weiter zu. Es wird nicht ausbleiben, dass die Zahl derer noch weiter steigt, die aus unserem sozialen Netz herausfallen und als Problemfall Bettler auf unseren Straße landen.

Aber werden wir uns dann nicht eines Tages gezwungen sehen, ein Bettlerkontingent einzuführen, welches regelt, dass an jedem Wochentag nur 20 bettelnde Menschen in der Innenstadt angetroffen werden dürfen. Oder werden wir es der Bahn AG gleichtun, und Bettler auch aus der Innenstadt vertreiben! Aber wohin? In Gettos?

Vielleicht werden wir ja schon bald Rosen an die Bettler verteilen und so mit eher eigennütziger Intention den Lyriker Rainer Maria Rilke nachahmen, der einer römischen Bettlerin eine Rose schenkte, und die dann ihren angestammten Platz einige Tage nicht aufsuchte, weil sie, so der Lyriker, von der Rose lebte.

Noch ist es nur eine Frage: An wie viel Bettlerinnen und Bettler wird sich das Gemeinwohl, das gemeinsame Wohl von uns Aachenern wohl gewöhnen? Sie sind das äußere Symptom für eine Soziallandschaft, unter deren Oberfläche es gefährlich brodelt.

Quelle: Aachener Zeitung, 11.02.2003.
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Was sehen Sie? Was sieht Ihr Kind?

Eine Frau spielt Blockflöte, zwei Kinder hören zu. Mehr ist auf dem Bild nicht zu sehen, mit Ausnahme des Adventskranzes

Dieses Bild zeigt eine Mutter und zwei Mädchen beim Musizieren im Advent. Auf den ersten Blick scheint das irgendeine Familie zu sein, halt nichts Außergewöhnliches. Dass der Vater auf der Fotografie fehlt, wird keiner wirklich kritisieren, denn der knipst ja wohl gerade die Idylle. Aber ist das wirklich eine Familienidylle? Oder fährt der Wunsch des Betrachters nach Harmonie zu solcher Deutung, die nicht unbedingt den Tatsachen entspricht?

Sitzt da etwa eine Mutter allein mit zwei Kindern, frisch verlassen vom Vater und der Fotograf ist nur der Nachbar? Sind das gar nicht die eigenen Kinder dieser Frau? Ist eines der Mädchen ein Adoptivkind, deren leibliche Mutter es nicht behalten wollte, konnte oder durfte? Hat da gar ein allein erziehender Vater für dieses Foto seine beiden Kinder der Schwester überlassen? Oder ist das doch eine Familie, nur mit dem Unterschied, dass die Lebenspartnerin dieser Frau hinter der Kamera steht?

Was sieht so mancher Erwachsene in diesem Bild? Die einzig mögliche Wirklichkeit, weil es in Sachen Familie ja nur eine geben kann? Oder sind wir am Fest der Heiligen Familie auch bereit, verschiedene Realitäten von Mann, Frau und Kindern als Familie wahrzunehmen, auch wenn wir sie persönlich nicht immer gutheißen wollen?

Was sehen Kinder eigentlich in diesem Bild? Würden sie sagen: ja, das ist die Mutti von den Mädchen und der Papa hat auf den Knopf gedrückt? Wovon würden Kinder sich leiten lassen bei ihrer Deutung dieser Fotografie? Kinder würden sehr realistisch, auf dem Hintergrund ihrer eigenen Sehnsucht sagen was sie sehen. Und wenn dieses Bild Kindern von Geborgenheit, schätzender Annahme und liebender Gemeinschaft erzählt, und sie je elterliche Liebe erleben durften, dann würde da eine Mutti auf diesem Stuhl sitzen und hinter der Kamera steht dann auch ein Papa.

Ortswechsel: Wie uns das Evangelium am Fest der heiligen Familie berichtet, machen sich Josef und Maria auf den Weg zum Tempel, um das Gesetz erfüllend ihr Kind dem Herrn zu weihen. Was heißt aber, sein Kind dem Herrn weihen? Hier geht es nicht um die Erfüllung einer blutleeren gesellschaftlichen Regel vergangener Zeiten, sondern um den gesellschaftsprägenden Dank dem gegenüber, der alles Leben ermöglicht. Gott danken für dieses zerbrechliche Leben eines den Eltern nur geliehenen Kindes. Dieser Dank Gott gegenüber ist nicht nur rückwärts gerichtet.

Der Dank ist auch eine Vision für das Kind: Möge die Liebe Gottes dieses sich entfaltende Leben nie allein lassen. Wer aber ein Kind annimmt und es Gott anvertraut, der ist selbst zur Antwort Gott gegenüber verpflichtet. Denn Verantwortung für ein Kind zu übernehmen bedeutet, der Liebe Gottes eine Heimat geben zu wollen in der eigenen Liebe zu dem anvertrauten Kind. Die Liebe des Menschen soll nach der Liebe schmecken, mit der Gott uns Menschen hebt. Die Liebe des Menschen jedoch findet ihren tiefsten Atem in der Liebe Gottes. Wir müssen von der Liebe Gottes schweigen, wenn unsere Kinder nicht von aufrichtender Liebe umgeben sind. Darum sind Vater und Mutter, und auch jene Menschen die unseren Kindern Eltern sind, die ersten Botschafter und Botschafterinnen der Liebe Gottes.

Ortswechsel: Was sehen eigentlich Kinder in diesem Bild? Sie sehen nur, was sie auf Grund der eignen Erfahrungen und Hoffnung entdecken können. Hoffentlich sehen sie Menschen, die ihnen Liebe, Verlässlichkeit und Geborgenheit schenken, denn welches Kind träumt nicht von einer Familie – und das nicht nur in der Weihnachtszeit.

Erschienen in: Kirchenzeitung für das Bistum Aachen, 22.12.2002
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Rücksichtnahme kostet nichts

Der Dom, das Rathaus, heiße Quellen und die Lage im Dreiländereck, anmutende Plätze und einladende Grünflächen, das sind Attraktionen unserer Stadt!

Hinzu gesellen wir immer wieder neue sowie erprobte Attraktionen und Attraktiönchen, um unsere Stadt interessanter zu machen: Weihnachtsmarkt, Kultursommer, Baumarrangements vor dem Theater, die Nacht der offenen Kirche, Horseparade …

So versuchen die Stadt und andere gesellschaftliche Gruppen, oft mit hohem finanziellen und personellen Aufwand Aachen lukrativer zu gestalten.

Reichen diese kostenträchtigen Attraktionen allerdings aus, damit Aachen mehr Ausstrahlung spüren lässt? Da macht doch schon nachdenklich, wenn Urlauber z.B., gerade zurückgekehrt von bekannten und weniger bekannten Städten und Dörfern, weniger von den Attraktionen dieser Orte berichten, als vielmehr von der Freundlichkeit ihrer Bewohner, soweit diese erlebt wurde. Freundlichkeit hinterlässt offenbar einen nachhaltigeren Eindruck als so manches Event.

Einen nachdenklichen Eindruck anderer Art hinterlässt bei mir ein Bummel durch die Innenstadt. Gerade mal vier Schritte vor mir steuert ein Menschenkind die selbe Türe eines Geschäftes an nach dem Motto: Türe auf, hinein ins Getümmel und nach mir die Sintflut.

Nun kam da aber nicht die Sintflut hinterher sondern ich, und vor meiner Nase knallte die Türe zu. Dabei hätte mein Vorgänger sich doch nur einen Augenblick umdrehen müssen, um einer fast vergessenen Umgangsform Renaissance angedeihen zu lassen. Diese hätte ich mindestens mit einem Dankeschön und einem netten Lächeln erwidert.

Könnte da vielleicht ein Aufkleber an der Türe hilfreich sein:

„Rücksicht öffnet Türen. Für ein freundliches Aachen!“ Wäre eine solche Einladung nicht eine preiswerte Aktion für ein freundlicheres und so attraktiveres Aachen?

Jedoch kann es eine Stadt sich leisten, mit dem Aufruf zu mehr Rücksicht unter ihren Bewohnern und Gästen eventuell einzugestehen, dass es genau daran fehlt?

Es ist keine Schande beim Namen zu nennen, was viele vermissen. Indem wir auf Rücksichtnahme hinweisen und Rücksicht zum Markenzeichen machen, geben wir selbst unserer Stadt ein attraktives Gesicht.

Quelle: Aachener Zeitung, 20.11.2002.
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