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Glaube und Raum

Kirchen sind besonders in der Ferienzeit beliebte Objekte touristischer Besichtigungskultur. Große Kathedralen laden mit weit geöffneten Toren, hinter denen manchmal ein Eintritt erhoben wird, zur Besichtigung ein. Bei kleineren Kirchen, oft verschlossen, wird erst einmal vorsichtig an der Türe gerüttelt, ob diese nicht vielleicht doch geöffnet ist.

So einen Kirchenraum zu betreten, jenseits von gemeinschaftlichen Gottesdiensten, lässt Insider spüren: Der Raum ist für die Kommunikation mit Gott und den Menschen geschaffen.

 

Der griechische Begriff „kyriakon“, in die deutsche Sprache entlehnt zum Begriff „Kirche“ geworden, verortet die im griechischen als „ekklesía“, Bezeichneten, übersetzt: die aus der Menge Herausgerufenen.

 

Eine äußere, touristische Betrachtung aber kann nur andeuten, wie die „Herausgerufenen“ die Nachfolge Jesu in solchen Räumen gelebt haben.

Andeuten, dass sie aus dem Evangelium, der Verkündigung der Menschwerdung Gottes in Christus, gelebt haben.

Andeuten, dass diese Botschaft sie aus ihrem Alltag herausrief und zum Kirche Sein zusammengeführt hat.

Äußere Betrachtung kann nur andeuten, was sich 2000 Jahre lang in Kirchenräumen ereignet hat, und was über diese Räume hinausgewachsen ist.

Allerdings schwindet zunehmend das Interesse an dem, was äußere Betrachtung nur andeuten kann. Ein Grund dafür ist die geringer werdende Zahl derer, die Kirchenräume mit Geist und Leben füllen.

So gerät weiter in Vergessenheit, dass die liturgische Verkündigung des Wortes Gottes einen Raum zum Kirchenraum macht, von dem ausgehend sich caritatives Engagement, gesellschaftsbildende Kräfte und christliche Verbünde entfaltet haben.

 

Touristisch geführt, wird über Kirchen berichtet werden: als religiöser Versammlungsort, als christliche Kultstätte im Gegenüber zu anderen religiös aufgeladenen Orten, oder als kunsthistorische Fundgrube.

 

Keine dieser Führungen jedoch wird Fachbesuchern oder Touristen vermitteln können, was ursprünglich „unsichtbar“ im Innern dieser Räume entstanden ist und durch ihre Türen hinaus in der Gesellschaft gelebt wurde.

 

Solange aber das Evangelium aus der Vergangenheit herausgehört oder gegenwärtig neu verkündet wird, werden sich einzelne Menschen als Herausgerufene wahrnehmen. Sie werden einander suchen und finden, sich wieder versammeln und Orte markieren, um Kirche sein zu können.

Die Herausgerufenen werden auch in Zukunft Räume der Kommunikation finden, weil Jesu Botschaft, Gottes Wort in Menschen Wort, wie in der Vergangenheit auch, nicht raumlos bleiben kann. Sie werden fündig werden, vielleicht an heute noch unbeachteten Orten.

 

Wertvoll ist jedoch, dass es „ehemalige“ Kirchenräume auch in Zukunft äußerlich erkennbar, noch geben wird. Auch wenn sie entweiht, entkernt und umgebaut anderer Nutzung dienen, so als Buchhandlung, Café, Fahrradparkhaus oder Archiv, und eine zukünftige Generation solche Gebäude vielleicht nie anders erfahren hat.

Aber die äußere Ansicht unserer Kirchen hat das Potential ein Fragezeichen für spätere Generationen zu sein und kann Neugier wecken: Warum brauchten Großeltern und Urgroßeltern solche hervorragend umbauten Räume, nur um Fahrräder, Akten, Getränke oder Kunst zu stapeln?

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Interessiert, dann hingehen

Egal wo wir unterwegs sind, nur wenn es nicht gerade in der Wüste ist, uns kommen immer mal mehr mal weniger Menschen entgegen. An Samstagen in Fußgängerzonen sind es oft Menschenmassen. Bei solchen Menschenaufläufen achten wir meist nicht auf den Einzelnen, wir sind eher bemüht heil aneinander vorbeizukommen. Wird der Gegenverkehr allerdings geringer, abseits der großen Straßen, dann taxieren wir schon genauer den Einzelnen, der uns begegnet.

Wir registrieren Kleidung, Gang, Verhalten, Körpergröße, anzunehmendes Gewicht oder auch Ausstrahlung. Manchmal meinen wir zu wissen, wie ein Mensch aufgrund seiner äußeren Erscheinung tickt.

Selbst wenn die Kleidung eine Einordnung nahelegt, sollten wir uns vor einem Urteil das „Wesen“ eines Menschen betreffend hüten, egal in welcher Kleidung er auch immer steckt. Ob in der Soutane eines Priesters, der Uniform einer Polizistin, der Arbeitskleidung eines Müllwerkers, dem Anzug eines Chauffeurs, der Burka einer Muslima, unter dem Schleier einer Ordensfrau oder in der Dienstkleidung einer Briefbotin.

 

Das Theaterstück von Carl Zuckmayer über den „Hauptmann von Köpenick“, vielen von uns bekannt durch die Verfilmung mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle von 1956, führt vor Augen, wie wenig Kleidung aussagen kann über den, der drinnen steckt. Wie im Verlauf der Verfilmung dieses Stoffes von Zuckmayer deutlich wird, ist es wichtig, den zu Wort kommen zu lassen, der in der Kleidung steckt, um partiell zu erfahren, wer er ist, was er denkt, erlebt hat und empfindet.

 

Die Redensart, Kleider machen Leute, sagt darüber etwas aus, was eine Person ist oder sein möchte, nicht aber wer sie ist.

Weckt eine Person ein wirkliches Interesse durch sein Auftreten, dann ist der Wunsch hinzugehen geweckt, um diesen Menschen aufzusuchen. Die daraus sich ergebende Begegnung wird dann zeigen, ob Interesse auf Interesse stößt.

Ein ehrliches Interesse, im Hingehen zum Ausdruck gebracht, fand mediale Aufmerksamkeit, als ein Mann, übrigens gekleidet wie (fast) kein anderer auf der Welt, einen Ort betrat, den in dieser Kleidung keiner seiner Vorgänger bisher betreten hatte.

Fast auf den Tag genau, vor 23 Jahren, am 6. Mai 2001, betrat als erster Papst in der Geschichte Johannes Paul II. ein muslimisches Gebetshaus, die Umayyaden-Moschee in Damaskus.

Sein Hingehen machte greifbar, was im Zweiten Vatikanischen Konzil am 26. Oktober 1965, in der Erklärung „Nostra aetate“ , über die Haltung der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, ins Wort gebracht wurde: Die Anerkennung des Wahren und Heiligen in anderen Religionen.

Hingehen bedeutet, aus Interesse etwas greifbar, handfest werden zu lassen. Hingehen bedeutet jedoch nicht selbstredend alles bejahen, sich einreihen, unentwegt klatschen oder unkritisch werden.

Hingehen bedeutet etwas auf sich zukommen lassen, für Augenblicke einzutauchen, ohne unterzutauchen.

Nun wieder zurück auf die Straße. Natürlich können wir nicht zu all denen hingehen, die uns begegnen und aufgrund von Äußerlichkeiten Vermutungen wecken.

Das ehrliche Interesse am anderen Menschen ist das Motiv hinzugehen, oder anfänglich erste Schritte zu wagen mit dem Ziel, ernsthaft erfahren zu wollen, wer da in diesen Kleidern steckt.

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Mittelpunkt nicht Vordergrund

Ein Insekt war ich in der Premiere der Oper „Das schlaue Füchslein“, einem Märchen für Erwachsene, das am Krefelder Theater in meiner Kindheit aufgeführt wurde.

Ich war mit der erste auf der Bühne und der Dirigent signalisierte wann ich über die Bühne zu flatterten hatte, allerdings nur mit ca. 10 zu singenden Worten, an zwei erinnere ich mich noch, Gevatter und altmodisch.

Für Sekunden war ich, die anderen auf der Bühne drumherum, der Mittelpunkt. So kam es mir vor, ich war stolz wie Bolle.

 

Heute ist mir klar, dass diese Oper davon lebte, dass immer wieder andere der Schauspieler und Sänger im Mittelpunkt standen. Zum Mittelpunkt aber wurden sie nur, da die Mitspieler um sie herum ihre Rolle stark machten, sie zum Mittelpunkt werden ließen.

Für Augenblicke Mittelpunkt zu sein produziert aber keine Hierarchien, da niemand zum Hintergrund wird, weil es keinen alleinigen Vordergrund gibt. Es geht um ein Wechselspiel. Der Mittelpunkt wird getragen von den Menschen drumherum, die im Wechsel selbst mit ihren eigenen Fähigkeiten zu anderen Gelegenheiten Mittelpunkt werden können.

Zum Mittelpunkt werden aber geschieht auf sehr unterschiedlichen Bühnen, den großen der Welt, wie den kleinen unseres Alltags. So werden Menschen umgeben von einer Hand voll Menschen und andere umgeben von Millionen zum Mittelpunkt.

 

Ich erinnere mich bruchstückhaft an den sowjetischen Kosmonaut Juri Gagarin, der nach 108 Minuten Flug im Orbit am 12. April 1961 als internationaler Star gefeiert wurde. In den weltweiten Medien war er für Millionen Menschen einige Tage Mittelpunkt.

Am 11. Oktober 1962 erlebte ich zum ersten Mal vor einem Fernseher sitzend die Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils. Papst Johannes XXIII wurde als Mittelpunkt in den Petersdom getragen.

Diese Ereignisse fanden auf den großen Bühnen der Welt statt.

Natürlich geht es auch einige Nummern kleiner, so auf den Bühnen alltäglichen Lebens. Da wird ein Bekannter durch seine Verabschiedung aus dem Berufsleben zum Mittelpunkt, ein befreundetes Paar durch ihre Hochzeit und eine alte Freundin anlässlich ihres Jubiläums.

Auf den kleinen Bühnen des Alltags werden in den kommenden Tagen nach Ostern, wie dem Weißen Sonntag, in vielen Gemeinden Mädchen und Jungen zum Mittelpunkt, die umgeben von Gemeinde, Familie und Freunden das Fest ihrer Erstkommunion feiern. Der Mittelpunkt einer jeden Eucharistiefeier, Jesus Christus, macht durch sein sich Verschenken die jungen Menschen zum Mittelpunkt.

 

Feierlich wird der Gottesdienst in den Gemeinden gestaltet und mit dem festlichen Beisammensein danach spüren die Kinder Mittelpunkt zu sein.

Allerdings oft schon am Tag danach gewinnt der Alltag sein Recht zurück ganz „normal“ zu sein und die Mittelpunkte von gestern müssen sich einreihen.

Doch einmal in der Kirche so Mittelpunkt gewesen zu sein kann bei Kindern Spuren hinterlassen, wenn sie spüren neu dazuzugehören. Sie sind mit am Tisch des Herrn, ihre Stimme, ihre Anliegen werden gehört. Gemeinde ist ein Raum, in dem sie sich entfalten können. Ihre Fähigkeiten sind gefragt und ihr da sein allein ist Reichtum in der Gemeinde. Vielleicht werden sie dann auch immer mal wieder, die Gemeinde stärkend, zum Mittelpunkt.

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Das Reich Gottes bedroht das Leben?

Die beiden wollten heiraten, erinnere ich mich. Wir kannten uns aus der Hochschulgemeinde, hatten uns aber aus den Augen verloren. Ich traf die mutmaßliche Braut dann zufällig beim Einkauf an der Kasse.

„Wie geht es euch?“, fragte ich so zum Einstieg. Mit der Antwort zögerte sie. Vor dem Geschäft erzählte sie mir, dass sie nicht mehr zusammen seien, sie hatte sich von ihm getrennt. Meinerseits zögerte ich, aber dann kam die klassische Frage: „Warum?“ Sie antwortete: „Mit einem noch so geliebten Menschen, der aufgrund seines Glaubens jeden Tag mit der Wiederkunft Christi rechnet, kann ich nicht leben. Wie kann Familie geplant und Verlässlichkeit organisiert werden, wenn der Partner schon die Koffer für die Ewigkeit gepackt hat und nur noch auf das Taxi dorthin wartet? Ich habe es versucht“, erzählt sie weiter, „wir haben viel über seinen Glauben
gesprochen, aber ich habe es nicht gepackt.“

Sehr nachdenklich blieb ich zurück. War doch die Wachsamkeit in Verbindung mit dem kommenden Reich Gottes immer wieder Thema in der Verkündigung Jesu. Hat er doch selbst diese Spannung aufgebaut, als er sagte: „Wacht daher beharrlich, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde“ (Mt 25,13). Auch heute im Evangelium geht es um diese Wachheit, die Bereitschaft, die Ereignisse am Himmel und in der Welt richtig zu deuten, um bereit zu sein: Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!“ (Lk 21,36).

Gerade die Deutung der konkreten Zeichen der Zeit ist nicht so ganz einfach angesichts der vielen Naturkatastrophen. Bäche werden zu reißenden Flüssen, über 14 Meter hohe Wellen zerstören ganze Küstenregionen, Brände vernichten Wälder, Orkane ganze Landstriche. Und Lichter am Himmel gibt es kriegsbedingt in Europa auch. Alle diese Ereignisse wären im jungen Christentum vor knapp 2000 Jahren als Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft verstanden worden. Wir haben heute für diese Ereignisse nüchterne Erklärungen.

Werden zukünftig noch stärkere Katastrophen und der Einsatz von Atomwaffen für uns ein Zeichen sein? Sind von Menschen gemachte Katastrophen Zeichen Gottes?

Wie wird das Reich Gottes anbrechen? Ich habe keine Ahnung. Rechnen wir überhaupt noch mit seinem Anbrechen? Theologisch betrachtet wirkt das Reich Gottes
durch den Tod und die Auferstehung Jesu schon unter uns – aber wann kommt der „richtige“ Knall?

Vielleicht wird er vertrauter und beruhigender, wenn wir drei Worte des Vaterunser einfach öfters beten, bedenken, ins Gespräch bringen und zu Herzen nehmen und so uns selbst zwar nicht kleinreden, aber relativieren: „Dein Reich komme!“

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Die Worte bleiben hart

Welche Rede Jesu kritisieren eigentlich seine Jünger? „Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?“ Es handelt sich wohl um die Rede, die unmittelbar vorausgeht und die der Evangelist Johannes überliefert: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein
Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“ Die Jünger nahmen, zeit- und kulturbedingt, diese Worte wortwörtlich: Mit Fleisch war Fleisch gemeint, und
mit Blut Blut.

Ja, solche Worte sind hart und nicht gut zu hören, besonders nicht in den Ohren derer, denen Jesus etwas bedeutete. Seine Jünger hatten als Handwerker handfeste Erfahrungen mit Fleisch und Blut, verfügten aber noch nicht über den theologischen Hintergrund, diese Worte sakramental in der Eucharistiefeier zu deuten. Wir Heutigen deuten die eucharistischen Gaben von Brot und Wein aber nicht als Zeichen, das nur auf anderes hinweist, und auch nicht als bloßes Symbol, dem Ineinsfall von Wort und „Gegenstand“. Verkürzt gedeutet verweist die Selbsthingabe Jesu in seinem Leib und seinem Blut auf eine Wirklichkeit, in der Gott sich auf den Menschen hin begreifbar macht, und in der sich der Mensch als auf Gott hin verwiesen erlebt.

Trotz aller Deutung: Wenn mir der Kelch mit den Worten „Das Blut Christi“ gereicht wird, dann klingen sie immer noch hart. Um der Schwere beim Empfang des eucharistischen Brotes etwas zu nehmen, wird oft anstelle von „Der Leib Christi“ formuliert: „Das Brot des Lebens“. Aber auch mit dieser Formulierung wäre der Dramatik der Selbsthingabe, dem Opfer Jesu am Kreuz nichts genommen.

Den Kritikern hätte jedoch die Härte der Worte Jesu genommen werden können, wenn sie einen Blick in den Saal hätten werfen können, in dem Jesus die Apostel
zum Letzten Abendmahl versammelte. Der Evangelist Markus berichtet: „Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib“ (Mk 14,22). Jesus gibt sich selbst in diesem Mahl als das Lebensmittel des Überlebens in aller Zerbrechlichkeit. Er reicht sich selbst im Brot und Wein, seinem Fleisch und Blut.

Doch ob es die Einschätzung der Jünger damals oder unser Deuten heute ist, ob es die Formulierung „Leib Christi“ oder „Brot des Lebens“ ist, eines bleibt über Erkenntnis und Wortgebrauch hinaus: das Geheimnis dieses Sakraments. Mit den Worten des heiligen Thomas von Aquin verdichtet:

„Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir, doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir. Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an; er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.“

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Dir glaub ich gern

Dem glaub ich gern! Diese Einsicht ist den ersten Begleitern Jesu gemeinsam. Noch waren keine Berichte über Jesus schriftlich verfasst, so wie sie uns heute im Sammelband der Bibel zur Verfügung stehen. Jesu Botschaft von Gott, dem liebenden Vater, von Umkehr, Vergebung und unzerbrechlichem Leben sowie die Berichte von Jesu heilendem Handeln, wurden von Mund zu Mund weitergegeben, „nur“ erzählt.

So faszinierend diese Erzählungen auch waren und so begeistert sie aufgenommen wurden – entscheidend war für die Menschen von Anfang an die Glaubwürdigkeit derer, die erzählten. Ihre Glaubwürdigkeit war in der Regel die Voraussetzung dafür, dass ihnen überhaupt zugehört wurde.

Das Vertrauen der Hörerschaft in die Erzähler sowie ihre Bereitschaft, selbst unvoreingenommen zuzuhören, ließ in der Nachfolge Jesu, Schritt für Schritt, die Erzählgemeinschaft entstehen. Diese Gemeinschaft sind wir als Christen bis heute, und ohne sie wird es auch keine Zukunft geben.

Der Evangelist Johannes geht an den Beginn der Erzählgemeinschaft zurück und berichtet von den Jüngern, die sich aus Angst hinter verschlossenen Türen zusammendrückten. Aber ein angstvolles Beieinanderhocken, ein Sich-Einschließen ist keine Voraussetzung, glaubwürdig die Worte Jesu zu verkünden.

Jesu Botschaft braucht Freiraum, in dem sie ihre Kraft entfalten kann und so Menschen spüren lässt, dass die Worte Jesu das eigene Leben verändern können. Deshalb tritt Jesus in die Mitte seiner gelähmten Jünger und sagt: „Ich sende euch!“ Jesus kommt ihnen nahe, haucht sie an und sagt ihnen zu: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Dieser Geist macht lebendig, motiviert, ermutigt, hilft abzuwägen und zu entscheiden. Dieser Geist Gottes befreit den Menschen von seiner Angst um
sich selbst und öffnet verschlossene Türen. Mit den Jüngern gemeinsam gingen dann geisterfüllt Frauen und Männer in die Städte und Dörfer und erzählten, was sie über Jesus gehört hatten, wie sie über ihn dachten und dass er ihr Herz berührt hat.

So wächst durch glaubwürdige Erzählung die Erzählgemeinschaft weiter, breitet sich aus und lässt die Menschen, die Christus für sich haben entdecken dürfen, gemeinsam Kirche sein. Gerade heute, in einer von Krisen gerüttelten Kirche, bedarf es der Erzählerinnen und Erzähler, die glaubwürdig aus ihrem Leben und dem der Gemeinschaft erzählen. Das Wort des Apostels Paulus gilt zeitlos: „Der Glaube kommt vom Hören“ (Röm 10,17). Haben wir den Mut, bei Menschen stehenzubleiben, um ihnen etwas über unseren Glauben zu erzählen! Wäre es nicht super, wenn im Weitergehen dieser Menschen sich mancher zu uns umschaut und flüstert: „Dem glaub ich gern“?

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Gesund oder krank?

Hätten Sie geschwiegen, wenn Ihnen so etwas Unvorstellbares passiert wäre? Rückblick: Jesus hatte Mitleid mit dem Aussätzigen; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: „Ich will es – werde rein!“ Sogleich verschwand der Aussatz, doch Jesus verbot ihm, darüber zu sprechen.

Wer zur Zeit Jesu unheilbar krank war, deshalb von der Gesellschaft ausgeschlossen wurde und dann auch noch mit der Vorstellung lebte, dass die Krankheit eine Strafe Gottes sein könnte, der war gesellschaftlich abgemeldet.

Konnte Jesus nicht abschätzen, was eine Heilung für diesen Menschen bedeutet, weshalb er verbot, von dem Ereignis der Heilung zuerzählen oder sie gar hinauszuposaunen? Hatte Jesus Angst, dass sich herumspricht, wozu er in der Lage ist? Hatte er die Sorge, so reduziert zu werden und lediglich als ein oberfächlicher Heiler, ein Medicus für alle Fälle angesehen zu werden? Oder aber geht es hier um eine Heilung, die eine neue Gesellschaftsfähigkeit in der alten Gesellschaft zur Folge hat?

Eine Redensart, die mir immer wieder mit Blick auf unsere Gesellschaft nachgeht, lautet: „Gesund sein bedeutet, die Krankheiten der Nachbarn zu haben.“ Anders formuliert: Wer nicht im Takt ist mit der Selbstdarstellung „seiner“ Gesellschaft, und so ihrer Vorstellung von Gesundheit nicht entspricht, der läuft Gefahr, als krank abgestempelt, in Quarantäne abgeschoben zu werden.

Heilt Jesus den Aussätzigen „nur“, um ihn wieder gesellschaftsfähig zu machen – mit den Worten der Redensart gesagt, dass er wieder die „Krankheiten der Nachbarn“ hat? Wird der Geheilte dann wieder gedankenlos seinem früheren Alltag nachgehen? Oder lässt ihn die Frage nicht los, wie stark die heilende Kraft Jesu ist?

Um dem auf den Grund zu gehen: Ist der Geheilte vielleicht Jesus nachgegangen, wurde zu einem seiner Zuhörer, dem die Worte Jesu tief unter die Haut gingen, was ihn in seiner Gesellschaft hat unruhig werden lassen? Könnte doch sein! Was der Geheilte allerdings nach seiner Begegnung mit Jesus gemacht hat, ist nicht belegt. Aber trotzdem steht mit der Heilung in die vertraute Gesellschaft hinein die Frage da: Wer sind eigentlich die Gesunden und wer die Kranken?

Eine Gesellschaft, die ihre Mitmenschen ausgrenzt, krankschreibt und diskreditiert, entspricht nicht dem Miteinander, wie Jesus es vorlebt. Er entlarvt die Argumente der Menschen als krank, die Mitmenschen als nicht gesellschaftsfähig aussortieren. Er heilt Ausgesetzte, um in der Gesellschaft die Krankheitsherde zu lokalisieren, die das Recht beanspruchen, andere in Lieblosigkeit, Gottlosigkeit und Würdelosigkeit auszugrenzen. Die Heilung damals richtet unseren Blick auf die Entwicklung unserer Gesellschaft heute.

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Mit dem Knie denken?

Über eine besondere Formulierung im dritten Kapitel des Lukasevangeliums, indem von der Taufe Jesu berichtet wird, lohnt es sich zu stolpern. Dort steht im 15. Vers: „Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten im Herzen.“ In der Lutherübersetzung von 1912 sind die letzten vier Worte des Verses angeschärft: „Alle dachten im Herzen.“ Grund für diese Formulierung war die Ungewissheit der Menschen damals, ob Johannes der Täufer nicht vielleicht doch der erwartete Christus
sei. Johannes klärt die Ungewissheit mit wenigen eindeutigen Worten auf.

Aber wie geht das, im Herzen zu überlegen, zu denken? Gängige Erkenntnis ist doch, was im Kopf, genauer im Gehirn gedacht wird. Mit diesem Körperteil ist unabhängig vom Kulturkreis das Denken weltweit fest verbunden. Denken ist die Fähigkeit der Erkenntnis und des Beurteilens, zu der auch die Überlegung gehört. Überlegen bedeutet wiederum, einen Sachverhalt durchdringen zu wollen, ihn für sich zu erschließen und so zu verstehen.

Diese „Kopfeinsicht“ irritierte der aus dem Rheinland stammende Künstler Joseph Beuys (1921 bis 1986) mit der Aussage: „Ich denke sowieso mit dem Knie.“ Er hatte
damit wohl feststellen wollen, dass ein lineares, also ein logisches, ein Denken nur mit dem Gehirn nicht ausreicht, um auch aus dem Blickwinkel des Künstlers die Realität zu erschließen. Mit der Gelenkigkeit des Knies könne der Künstler um die Ecke denken, so seine Vorstellung. Unabhängig davon, ob der Gedankengang von Beuys anspricht oder nicht, so macht er doch eines deutlich – wie die drei Worte aus dem Evangelium: Denken ist nicht nur eine Kopfsache. Auch andere Körperteile können ergänzend helfen, die Realität zu erschließen.

Was ist jetzt aber konkret der Zugewinn, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen zu denken? Schauen wir nochmals in das Evangelium: „In jener Zeit war das Volk voll Erwartung und alle überlegten im Herzen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Christus sei.“ An der äußerlichen Erscheinung des Johannes konnte nicht festgemacht werden, wer er von innen her war. Die Äußerlichkeit lässt auch heute keine Rückschlüsse zu auf das Innere einer Person, auf das Sein des Menschen uns gegenüber.

Mit dem Verstand zu denken, ist „nur“ eine Draufsicht. Mit dem Herzen zu denken, ist Einsicht. Das Ergebnis dessen, was die Menschen damals mit dem Herzen gedacht haben, ist verborgen, da Johannes selber sich erklärt hat.

In unserer aktuellen Kultur des Urteilens ist es eine Bereicherung, über den anderen Menschen auch mit dem Herzen zu denken. Denken mit einer Akzeptanz, die von
Herzen kommt. Denken mit einer warmherzigen Offenheit. Denken mit der Verlässlichkeit des Herzschlags. Denken von Herz zu Herz.

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Von der Forderung zur Liebe

„Liebe kann heilen!“ Wer will schon ernsthaft – christlich motiviert – an dieser Aussage zweifeln. Doch was bedeutet hier Liebe? Die Liebe zum Mitmenschen, zur Natur, zum Umweltschutz, zur Gerechtigkeit, oder die Liebe zu Ihrem geliebten Menschen?

Die Verkündigung Jesu handelt immer wieder von der Liebe, der Nächstenliebe, das wichtigste der über 600 Gebote in der Tora (den fünf Büchern Mose). Jesus spitzt diese Gebot noch zu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22, 39).

Doch, Hand aufs Herz, dem Organ der Liebe. Nervt es nicht manchmal, dass die christliche Botschaft immer wieder mit der Forderung nach Liebe um die Ecke kommt? Allein im Neuen Testament ist das Wort Liebe 237-mal zu finden. Die biblische Forderung der Nächstenliebe, bezogen auf die Erwähnung des Begriffes, wird fast inflationär bemüht. Allerdings ist es nicht zu unterschätzen, dass eine immer wieder beschworen Forderung auch als lästig ignoriert werden kann. Wo sie andererseits ernsthaft gehört wird, kann das Gebot schnell eine Überforderung bedeuten.

Bleibt festzuhalten: Liebe kann heilen, aber die Forderung zur Nächstenliebe kann auch ein Ballast sein.

Nicht nur durch die Natur des Menschen gegeben, sondern auch seiner Kultur entsprechend, wollen die meisten Menschen Liebe spüren. Denn Liebe gibt Kraft, so die Erfahrung vieler Menschen. 

Zwischenfrage an Sie wertgeschätzte Leserrinnen und Leser:  Würden Sie widersprechen und sagen, dass Sie nicht geliebt werden wollen, vielleicht von jemandem ganz Bestimmten, vielleicht auch in vergangenen, früheren Zeiten?

Auch wenn die Forderung zur Nächstenliebe zum Ballast werden kann, so gibt es doch keine stärkere Motivation als diese, aus Liebe zu handeln. Liebe ist kein Selbstzweck, der sich selbst genügt. Es ist also nicht entscheidend, wie Liebe definiert wird; eine Erklärung der Liebe also, bevor sie handelt. Entscheidend ist was Liebe auf Menschen, konkret auf den Nächsten bezogen bewirkt. Wenn die bewirkende Liebe ein Schlüsselbegriff in der Verkündigung Jesu ist und wir uns nach ihm als Christinnen und Christen nennen, dann müssen wir uns schon an dem, uns vielleicht auch belastenden, Gebot der Nächstenliebe messen lassen. Jesu Leben hat überzeugt durch seine konsequenten Handlungen, die in seiner Menschenliebe gründeten. Vielleicht lassen die folgenden Worten Herzlichkeiten zum Klingen bringen, aus denen Konsequenzen erwachsen:

„Mein Ja zu mir selbst lässt mich Ja sagen zu dir: Du bist da, das ist gut. Ich darf dich wahrnehmen, du berührst mich, ich will mich nicht wehren, wenn du mir unter die Haut gehst. Lass dich bei mir sein, ich werde dich an meiner Seite hüten. Ich möchte entdecken, was dir nötig ist, bevor du fragst, und dann frage, so auch ich fragen mag mit Herz.

 

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Hören lernt sprechen

Zuhören ist die Methode, mit der ein Kleinkind, unabhängig in welcher Kultur beheimatet, lernt, verständlich zu sprechen. Der Spracherwerb der Mutter- und Vatersprache basiert auf der Verarbeitung des Gehörten. Einen Reifegrad erreicht Sprache, wenn sie die Identität, Bedürfnisse, Meinungen und Gefühle eines Menschen für andere verstehbar und authentisch zum Ausdruck bringt. Heranwachsenden aber kommt diese Methode des Lernens aus Kleinkindertagen zunehmend abhanden. Ehrlichen Worten anderer werden immer weniger „Ohren geliehen“.

Besonders Menschen, so scheint mir, die familiäre, finanzielle oder strukturelle Macht in Händen halten, haben diese Methode des Lernens ganz hinter sich gelassen. Sie hören die Worte ihres Gegenübers, wenn überhaupt, nur deswegen, um so schnell wie möglich diesem, mit eigenen angespitzten Worten, ins Wort zu fallen. Das ist in Disputationen oft der Fall, die von Konflikten, Wahrnehmungsdifferenzen oder divergierender Traditions- und Geschichtseinordnungen ausgehen. Der „Lernerfolg“, durch Zuhören überhaupt (besser) verstehen zu wollen, also dem Gehörten entsprechend sprachfähig zu werden, hat gelitten.

Klar, nicht alles, was in Worte gekleidet daherkommt, ist bedenkenswert. Der Respekt gegenüber dem Wortbetreibenden fordert jedoch nichts überhören zu wollen, um auch das geringste Bedenkenswerte herauszuhören. So war das auch, genau hingehört, mit Jesus Rede vom Unkraut und Weizen. (Mt 13,24–30)

In Systemen wie die Kirchen, in von Ideologie geprägten Strukturen oder akademischen Konstellationen neigt man dazu, die ihnen immanent als wertvoll erscheinenden Worte von den mutmaßlich unnützen Worten, dem Wortmüll zu trennen. Wissenschaftlich klingende, von Autorität umgebene oder immer schon als „wahr“ tradierte Worte werden entsprechend gewogen wie Geschmeide, daneben einfach verstehbare Worte nur als Modeschmuck abgewogen. Über die bekannte Gefahr, im gleichen Sprachraum Sprachen nicht hintergründig verstehen zu können, so aneinander vorbeizureden und folgend ein Dialog nicht gelingen kann, sollte im Vorhinein von den Beteiligten gesprochen werden. Aber jede in der Vergangenheit geführte Disputation produzierte, neben weiterführenden und erleuchtenden Worten, auch solche, die in ihrer Zeit als Wortabfall betrachtet wurden.

Dieser auf Wortmüllhalden verbrachte Wortabfall könnte heute, gleich dem Hausmüll, der in den 1950er und 1960er in der BRD auf Müllhalden gelagert wurde wie dem Hülser Berg (einer geschlossenen Müllkippe) bei Krefeld, „seltene Erden“ bergen.

Mit dieser neu gewonnenen Erkenntnis gilt es dem Wort andere Horizonte des aufeinander Hörens zu erschließen, um so eine zukünftig neue Qualität des miteinander Sprechens zu beflügeln.

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