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Worte wie Unkraut

In den Blumenkästen meines „hängenden Gartens“, auch Balkon genannt, zeigten sich mit dem Frühling zarte Triebe, die allerdings noch nicht erkennen ließen, was sie mal werden würden.

Nun ist viel Kraut eindeutig, die Erdbeeren sind schon geerntet, die Tomaten schicken sich an rot zu werden und die Kräuter verströmen Düfte.

Zu den gewollten mogeln sich Pflänzchen, die selbst eine App zur Pflanzenerkennung auf meinem Handy vorgibt nicht zu kennen.

Aber schon im Vorjahr hatte ich diesen Pflänzchen, auch Unkraut genannt, eine Chance gegeben. Schließlich wollen auch diese weniger prachtvollen Pflanzen mit Recht gesehen werden. Hier ist Achtsamkeit angesagt mit Blick auf den botanischen Reichtum der Schöpfung!

Zu der mahnt auch das Evangelium. „Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. (…)  Da fragten die Knechte den Herrn: Sollen wir es ausreißen? Er entgegnete: Nein, lasst beides wachsen bis zur Ernte und dann…“ (Vgl.: Mt 13, 26ff).

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Ein Talent ewiges Leben

Jeder stellt sich irgendwann die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens, aber dies nicht ständig, da sie so mächtig daherkommt. Trotzdem ist sie viel öfters präsent, allerdings in „kleinere“ Fragen verpackt, wie: Was kann vom nächsten Lebensjahr oder Lebensabschnitt erwartet werden, wird Anerkennung verlässlich bleibt, wie anhaltend sind wichtige Beziehungen, oder wie passen Selbstverwirklichung und Verantwortung langfristig zusammen.

Neben der Sinnfrage lauert die Frage, was eigentlich „hinter“ dem Leben passiert. Manche antworten darauf: „Da ist nichts“ oder „da ist etwas wie Gott“, oder „da holt mich das Rieseneichhörnchen“. Wenn jemand mit dieser Frage noch weiter geht, und die Frage nach dem ewigen Leben ins Spiel bringt, dann wird er oft belächelt und als weltfremd diskreditiert.

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Sie und Jesus aktuell

An diesem Sonntag können uns zwei gute Nachrichten, sehr vertraute Evangelien begegnen. Die eine berichtet von Jesus und den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24, 13–35), die andere vom unerwarteten Fischfang auf das Wort Jesu hin (Joh 21, 1–14).

Ein Verhalten verbindet beide Botschaften: Jesus mischt sich ungefragt in konkrete Lebenssituationen der Jünger ein. Einmal tut er das als Fragender auf dem Weg zweier Jünger nach Emmaus. An anderer Stelle als „Fachmann“ in das Handwerk seiner Jünger, den Profifischern.

In beiden Situationen führt die unaufgeforderte Gegenwart Jesu zu einer Veränderung, einer Verbesserung, einer erweiterten Einsicht und somit auch zu mehr Glaube aufgrund verbesserter Lebensqualität.

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Lichtblicke

Deckt Ihre Erfahrung eigentlich diese biblische Aussage?

„Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.“ (Vgl.: Mt 10,26) Etwas anders gefragt: Können Sie bestätigen das alles, selbst das in der dunkelsten Ecke Geschehene irgendwie doch ans Licht kommt. Also letztlich bleibt nichts vorborgen, ob nun Korruption, Seilschaften, Protektionismus, das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“, Bestechung oder „nur“ die üble Nachrede hinter vorgehaltener Hand.
Vielleicht mag das im Himmel alles „durchsichtig“ werden, aber hier unten, so unter uns? Da (meinen wir zu) wissen wir oft von Machenschaft, dunklen Geschäften oder vermuten nur „das da was nicht mit rechten Dingen zugeht“.

Besonders sensibel werden wir, wenn wir meinen durch irgendwelche dubiosen Vorgänge einen persönlichen Nachteil zu haben. So wird die Forderung laut, dass „etwas“ an die Öffentlichkeit gehört, damit wir unser Recht bekommen, mindesten aber auch den Vorteil, den der „Andere“ für sich ermöglicht (erschlichen) hat.

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Von innen erregt

Tränen hier und da: Weil „aua das tat weh“, oder „hurra welche Freude“. Weil Absturz der Finanzen, oder zerbrochene Liebe. Weil bestandene Prüfung, melancholischer Film, oder eskalierter Streit. Tränen hier und da. Von diesen Tränen oft umgeben steht er da, der Mensch, der weint!

Der Mensch, der weint, weil ein Mensch auf dieser Welt, von dem er vielleicht nur gehört hat, verloren gegangen ist. Er steht da, der Mensch, der weint, weil er einen ganz nahen Menschen hat loslassen müssen. Die Tränen dieser Menschen fließen nach innen bevor sie Wangen berühren. Seht den Menschen, der weint, Jesus von Nazareth.

Die emotionale Mitte des Evangeliums vom 5. Fastensonntag ist Jesus der im „Innersten erregt und erschüttert“ weint. Jesus weint, weil ein Mensch verloren gegangen ist. Im Evangelium trägt „sein“ Mensch, stellvertretend für all die Menschen, die auch Ihnen und mir verloren gegangen sind, den Namen Lazarus.

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Du, meine Wüste

Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt“ (Vgl.: Mt 4, 1). So beginnt das Evangelium des 1. Sonntags in der Fastenzeit.

Bleiben wir als Hörer an diesen Worten hängen, denn gerufen sind wir  ja in die Nachfolge Jesus, und das bedeutet: Mit ihm ab in die Wüste. Wüste wird damals wie heute als ein primär lebensfeindlicher Raum erfahren. Jesus hat diesen Raum real erlebt. Jeder der ihm dorthin nachfolgen will kann sich heute in einer Wüste aufhalten. Doch nur die wenigsten der Leser dieser Zeilen haben aktuell die Gelegenheit Wüste live zu erleben.

Hier kann es nur ein „Gedankenspiel“ sein, die Wüste zu suchen, jene Orte also, an denen Jesus selbst Wüste, lebensfeindliches erfahren hat. Der erste Ort war seine Geburtsstadt, in der er von weltlicher Macht verfolgt wurde. Jesus hat weiter über sein ganzes irdisches Dasein verteilt Wüstenorte erfahren: In den Anfeindungen durch Religionsführer, der Teilnahmslosigkeit im Schlaf seiner Vertrauten, dem Verrat durch seine Jünger, sowie in seinen einsamen Stürzen unter das Kreuz.

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Des Synodalen Weges Besonderheit

„Weiter ist der Mensch seit ein Gespräch er ist“[1].

Mit der ersten von mir angedachten Struktur war ich geneigt, diesem Artikel die öffentlich bekannte Kritik an dem Unternehmen Synodaler Weg voranzustellen, sowie meinerseits eine kurze Einschätzung bezüglich der Kritiker selbst zu geben.
Ich habe mich dann aber entschieden, nicht mit dieser Kritik zu starten, die geäussert wurde und wird von Kardinälen, Bischöfen und anderen Lageristen, welche nicht nur dem sogenannten rechten Flügel in Kirche und Gesellschaft zugeordnet werden, was auch immer das konkret heissen mag.
Mit einem solchen Start wäre ich genau in die Falle getappt, die ich mit diesem Artikel versuche ein wenig aufzudecken, nämlich vorhandene Fronten, wie die der „Anhänger von … zu sein“ nicht weiter festschreiben zu wollen, beziehungsweise die Lageristen, welche die eine oder andere Wahrheit einzig für sich reklamieren, in ihren Lagern nicht weiter wegzuschließen.
So beginne ich „vorurteilsfreier“ mit Kurzinformationen zum Skelett des Synodalen Weges, der initiiert wird von der Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

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Der Synodale Weg

Hintergründe, Fallstricke und Perspektiven

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“[1]

Die ersten Sätze eines Artikels entscheiden oft darüber, ob er sich weiterlesen lässt oder ob er überschlagen wird. Zu dem kontrovers betrachteten Thema Synodaler Weg ist deshalb zu bedenken, ob man zuerst die Argumente bzw. Gefühle der Befürworter anspricht oder die der Gegner? Gelten den Zweiflern die ersten Worte oder den Enthusiasten, den Juristen oder den Pastoralen?

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Ökumene – wer bist du?

Christliches Miteinander bei Kirchen- und Katholikentagen[1]

„Es wird eine ständige spirituelle Aufgabe in der Kirche sein, zwischen dem, was in der Kirche göttlich und unaufgebbar, und dem, was an ihr menschlich ist, was sie hinter sich lassen oder erneuern kann, zu unterscheiden und sich darin entsprechend den Idealen früherer Zeiten zu reformieren oder auf Erfordernisse neuer Zeiten zu antworten. Dabei bleibt der in der Zeit Mensch gewordene Gottessohn Jesus Christus das einzige Kriterium.“[2]

George Augustin

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Heilig, konkret und zukunftsfähig

Heiliges in der Vergangenheit

„Etwas“, das ehemals im Gespräch war, Bedeutung hatte, mit Hoffnungen und Sehnsüchten verbunden wurde, Anerkennung verschaffte, mit Magie behaftet war und oder schnellen Gewinn versprach, über das aber anhaltend nicht mehr gesprochen wird, also aus welchen Gründen auch immer der Aufmerksamkeit weiten Teilen einer Gesellschaft verlorengegangen scheint, ist out. Das bedeutet aber nicht, dass dieses „Etwas“, im Unterbewusstsein von Teilen einer Gesellschaft kein Präsenzpotential mehr hätte.

Denn in einer Gesellschaft, mindesten aber in einigen seiner Teilgesellschaften kann es so etwas wie ein „kollektives“ Unterbewusstsein geben, in das u. A. vergangener Status, religiöse Traditionen, Identitätssehnsucht, das Heilige oder auch Ausgrenzungsmechanismen hineinversickert sind, die – z. B. von äußeren Einfl üssen „gereizt“ – aus dem Raum des „Unterbewussten“ sich öffentlich wieder „zu Wort“ melden könnten.

Dieser Begriff „Etwas“ lässt sich exemplarisch füllen mit der Bedeutung der Worte selig bzw. heilig.

Eine verbindliche und eindeutige Definition für das Heilige, oder dessen, was einen Menschen zu einem Heiligen (Seligen) werden lässt (jenseits des Verfahrens zur Kanonisierung) gibt es nicht. Es gibt immer nur Annäherungen wie diese, die das Heilige als eine Chiffre für Transzendenz versteht, genauer „für die unbedingte, absolute (nicht relative) Transzendenz, das heißt für eine absolut andere, unergründliche Dimension und Wirklichkeit.“[1]

„Etwas“ vom Heiligen war, bzw. – weiter rückläufig – ist noch präsent im Religiösen, im Unantastbaren des Zwischenmenschlichen, in kulturellen Ritualen, wie in den
Träumen und Sehnsüchten der Menschen. Heiliges wurde in der Menschheitsgeschichte immer schon mit Orten verbunden, mit Handelnden und Handlungen. Das Heilige war „sichtbar“ unter Menschen und personalisiert in Menschen, gleichzeitig aber unsichtbar, jenseitig und unverfügbar.

Epochen der Menschheit verbanden mit dem Heiligen ihre Propheten, Helden, Vorbilder, Sieger und auch, aber nicht nur im christlichen Kontext, ihre heilig genannten (besonderen) Menschen.

Jeder der als heilig[2] (selig) verehrten Menschen in der Geschichte des Christentums, hat eine „nachlesbare“ Biographie, präsent zwischen Dreizeiler und Foliant, die ursprünglich erst einmal „nur“ mündlich weitergegeben wurde, und die sich mehr, aber oft auch weniger auf historisch verlässliche Daten stützte.

Doch mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts nahm in Mitteleuropa die öffentliche Bedeutung des Heiligen, besonders im Kontext des Religiösen, weiter ab. Die Präsenz des Heiligen im Christlichen, so in der Eucharistie, in der Verkündigung, oder „verkörpert“ in den Heiligen[3], verlor und verliert weiter an Interesse in der Gesellschaft und somit an lebenspraktischer Bedeutung.

Bedacht werden muss daneben aber auch die zunehmende Bedeutung der Engel für viele Menschen, individuelle Bindeglieder an das „Transzendente“, die in Bild und Skulptur aller Art, Größe und Ausfertigung neben einer Flut von Engelliteratur u. A. die Regale im Buchfachhandel füllen. Hier scheint sich quer an allen Religionen vorbei eine „Engelreligion“ zu etablieren, die keine Schriftbindung braucht und auch keine Vermittlung durch „Religionsdiener“. Eva-Maria Lerch zitiert in ihrem Artikel „Die Boten des verlorenen Himmels“ Thomas Ruster, Professor für systematische Theologie in Dortmund, der feststellt: „Der Boom der Engel revidiert die Abschaffung des Himmels.“[4] Hier lässt sich eine verbleibende, aus dem Unterschwelligen „geweckte“ Sehnsucht festmachen, die nach dem Himmel, dem Heiligen.

Das Heilige in seiner „herkömmlichen“ Art findet allgemeingesellschaftlich allerdings kaum noch seinen Bezug; Beachtung entgeht ihm. Medial ist das Heilige in christlicher Deutung sterbend.

Auch wenn es augenscheinlich so ist, so bedeutet das aber noch lange nicht, dass das Heilige unterschwellig kein Präsenzpotential mehr hätte, wie oben unspezifisch schon angedeutet.

Heilige am Anfang[5]

Zur Vergegenwärtigung: „Heilige“ werden im Neuen Testament ursprünglich alle Mitglieder der christlichen Gemeinde genannt: „Paulus, Apostel Christi Jesu (…), an die heiligen und gläubigen Brüder in Christus (…)“ (Kol 1,2f).

Allerdings verlor sich sehr schnell dieser allgemeine Status, vorhanden „nur“ durch die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde.

Das heilig „Sein“, aber besonders das heilig (gesprochen) „Werden“ wurde im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte zu einem „Leistungsprinzip“ weiterentwickelt und zeichnete fortan nur noch Menschen aus, von denen (bis heute meist in kostspieligen Verfahren) festgestellt wurde, besonders tugendhaft und glaubensstark gelebt zu haben, so wie es auch von den Aposteln und Evangelisten vermutet wurde. Schon diesen ersten Heiligen wurden besondere Wunderkräfte zugesprochen und eine privilegierte Vermittlungsfähigkeit „am Throne Gottes“ attestiert. Eine Bitte um eine solche Fürsprache ist in der Katakombe des Sebastian in Rom in einer „Kritzelei“ um das Jahr 250 belegt: „Paule ed Petre petite pro Victore“ (Paulus und Petrus, bittet für Viktor!).

Ist Heiligwerden schwer?

Hatten es eigentlich die Heiligen, die kein Martyrium erlitten haben, in ihrem Leben besonders schwer, schwerer als ihre Zeitgenossen?

Aktueller gefragt: Haben es Christinnen und Christen, die heute z.B. konkret in Gemeinschaften oder als einzelne in der Mitte oder an den Rändern der Gesellschaften dieser Welt ihren Glauben leben, aber noch gar nicht wissen können, dass sie nach ihrem Ableben von der Kirche einmal heiliggesprochen werden, es schwerer in ihrem Leben, als z. B. ich oder so mancher von Ihnen, liebe Leserschaft, die wir wohl persönlich eher nicht mit einer Kanonisierung rechnen können?

So zu fragen liegt deshalb nahe, da, um auch heute heiliggesprochen zu werden, eine heroische Tugendhaftigkeit zu belegen ist, ein exemplarisch vorgelebtes, asketisches Christuszeugnis, also die vorbildliche Nachfolge Christi in Glauben, Hoffnung und Liebe, sowie ein gerechter kommunikativer Umgang mit den Mitmenschen ihrer Zeit.

Das klingt nicht nach einem Leben auf dem Ponyhof. Da wird angemahnt: Ein Leben in angestrebter Perfektion, Disziplin, Kompromisslosigkeit gegen sich selbst, Entsagung, ggf. auch nach Leid und Lebensbedrohung, sowie Selbstbeherrschung, im Extrem bis hin zur Selbstaufgabe. „Leicht“ geht anders!

Heilige sterben aus?

So gesehen bedarf es kaum der Erwähnung, dass ein Lebensstil mit solch hohem Anforderungsprofil dem heute in unseren Breiten gängigen Lebensstil eher nicht entspricht.

Aber bedeutet dann ein persönliches nicht in Betracht Kommen eines solchen Lebensstils, auch unter Christen, dass unsere Zeit keine potentiell Heiligen für die Zukunft hervorbringen wird und uns deshalb in Zukunft die Menschen ausgehen, die heiliggesprochen werden könnten?

Dabei konnten die letzten Päpste, so der 264. 265. und 266. Bischof von Rom, noch auf über 1500 Persönlichkeiten zurückgreifen, um sie in das Martyrologium einzutragen. Allein im bisherigen Pontifikat von Papst Franziskus sind über 100 Persönlichkeiten „kanonisiert“, die im 20. und 21. Jh. gelebt haben.

Spuren alt verehrter Heiligen

Wer heute in Europa durch eher kleinere Ortschaften geht, der kann an so mancher Kirchen– und Hausfassade, auf Brücken oder in Denkmälern Heiligenfiguren entdecken, die in der Regel durch ihre Attribute über sich Auskunft geben können, bei entsprechender Dekodierungsfähigkeit der betrachtenden Menschen.

Natürlich bergen die von Touristen aller geistlichen und geistigen Bekenntnisse, aber auch denen ohne ein solches, besuchten „Großkirchen“ des Christentums, ob in Paris, Köln, Prag, Rom, Warschau, Mailand, Santiago oder Barcelona eine Fülle von Heiligendarstellungen, die oft einfach überfordern.

In der Sprache wird das Heilige eher im Fragment bemüht um zu deuten: nicht perfekt, also kein Heiliger; überheblich, also kein Heiligenschein.

Heilige „lassen gehen“

In den Medien fand z.B. der Gottesdienst auf dem Petersplatz anlässlich der Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. (* 18.05.1920 / † 2.04.2005) am 27.04.2014[6] ein Echo weltweit, zu dem ca. 5 Millionen Menschen nach Rom aufgebrochen, teilweise auch gepilgert sind.

Auch die Heiligsprechungen des Erzbischofs von San Salvador, Óscar Arnulfo Romero Galdámez (* 15.081917 / † 24. März 1980) am 14.10.2018 fand mediale Beachtung, auch in seinem Heimatland El Salvador.

Wenn Heilige verstärkt „gehen lassen“, scheint das Interesse an ihnen wieder leicht zuzunehmen.

Das klassische Format des „Gehens“ ist die Prozession, Menschen gehen, schreiten, hüpfen (zwei vor, eins zurück) oder tanzen hintereinander her, in der besonders an den Gedenktagen der Heiligen ihre Bildnisse, aber auch Reliquien von ihnen mitgetragen werden.

Aber: In so mancher deutschen Stadt kann eine Prozession daherkommen wie ein Trauermarsch der letzten ewig Gestrigen, fast schleichend durch leere Gassen, und immer in der schützenden Sichtweite zur eigenen Kirche.

Aber: Andere Prozessionen werden von einer großen Anzahl von Motorradfahrern mit ihren Maschinen dominiert. Wieder andere Prozessionen zeichnen sich auch aus durch Trachtenträgerinnen und Trachtenträger, eine Vielzahl von Votivfahnen und manchenorts auch durch die Mitnahme von Pferden.

Die Prozessionskultur anderer europäischer Länder ist oft geprägt von starken Emotionen, aufwendigem Schmuck, und auch kommerziellen Aktivitäten.

Die Prozessionskultur des Christentums ist erlebbar auch in Prozession zu heiligen Pilgerorten wie Santiago de Compostela, Jerusalem, Rom, Lourdes oder Fátima.

Magie des Heiligen

In manchen Epochen stand die Verehrung der Heiligen in der Gefahr, mit Magie und Zauberei in Verbindung gebracht zu werden.

Schon Amos hält im Alten Testament dagegen und lässt prophetisch wissen: „Ich hasse, ich verwerfe eure Feste, und eure Festversammlungen kann ich nicht mehr riechen: Denn wenn ihr mir Brandopfer opfert, missfallen sie mir (…). Halte den Lärm deiner Lieder von mir fern! Und das Spiel deiner Harfen will ich nicht hören. Aber Recht ergieße sich wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein immer fließender Bach“ (Amos 5,21-24 Elberfelder Bibel).

Gegen eine von Aberglauben geprägte Heiligenverehrung, die den Heiligen magische Kräfte zusprachen und sie direkt anbetete, wandten sich schon vor der Reformation die Bogomilen, die sich im 11. Jh. nach Westeuropa ausbreiteten, und u. A. die Verehrung von Ikonen ablehnten.

Die Reformation lehnte den Kult um die Heiligen ab, da er sich nicht von der Bibel her begründen lässt. Das Konzil von Trient (1545 bis 1563) bestätigte dagegen, dass es gut und nützlich sei, die Heiligen anzurufen, um durch ihre Fürbitte Gottes Wohltaten zu erlangen.

Was ist am Heiligen dran?

Was waren die Beweggründe, weshalb in den unterschiedlichen Epochen der Kirchengeschichte das Heilige, die Heiligenverehrung immer wieder in das Zentrum persönlicher und auch gemeinschaftlicher Frömmigkeit gerückt wurde? War es für das gläubige Volk ausschließlich die fromme und selbstlose Verehrung der Heiligen aufgrund ihrer herausragend gelebten Gottesnähe, oder die „zweckfreie“ Verneigung vor der Spur des Göttlichen in irdischer Materie?

Allein schon die Tatsachen, dass Heiligen bestimmte „Zuständigkeiten“ zugeordnet wurden und werden, lässt Phantasien aufkommen. So bei der Heiligen Genoveva
(Gedenktag 3. Januar): Sie ist Patronin von Paris sowie der nach ihr benannten Orden und Vereine, der Frauen, Hirten, Hutmacher, Wachszieher, Weingärtner, auch gegen Krieg, Trockenheit, Pest, Fieber und Augenleiden. Da ist man doch geneigt, als Hutmacher in schlechten Zeiten an ihrem Bildnis eine Kerze mehr anzuzünden. Ähnliches empfiehlt das Brauchtum bei dem Heiligen Antonius von Padua (Gedenktag 13. Juni) in Sachen „verloren und wiedergefunden“; eine Münze in „seinen“ Opferstock geworfen, bewirkt „wundersames Auffinden“.

Jedoch das „Heilige“ als solches quillt aus dem, der einzig der Heilige in Fülle ist. Und weil Gott nicht käuflich ist, ist das Heilige im irdischen Gewande daherkommend auch nicht bestechlich.

Hier ist aber zu bedenken: Birgt das symbolische Zeichen des Loslassens, angedeutet in der angezündeten, und so zum Vergehen bestimmten Kerze, oder in der
„unwiederbringlich“ losgelassenen Münze, in Verbindung mit dem festen Glauben an den Gott des gelingenden Lebens, nicht etwas von dem Zauber des letztlich unfassbar Heiligen, in die von Menschen machbare Sichtbarkeit hinein? Keine Magie, keine faule Zauberei, aber Andeutung der Macht des Heiligen in irdischem Gefäß, gehalten in Menschenhand!

Dem Heiligen auf der Spur in die Zukunft

Auch wenn das Interesse an Heiligenverehrungen und der regelmäßigen Feier organisierter Rituale an „heiligen“ Orten wie Gottesdiensten aller Art abgenommen hat, so lässt sich trotzdem (z. B. in Deutschland) eine Sehnsucht nach dem „Zauber des Heiligen“ feststellen, dem Wunsch von Heiligem berührt zu werden. Das ist spürbar z. B. an steigenden Besucherzahlen von Weihnachtsgottesdiensten, an der Zunahme von entzündeten Kerzen in Kirchen sowie dem steigenden Interesse an Pilgerfahrten.

Um diesem Anliegen auf den Grund zu gehen, hilft es, einen Blick auf das Heilige zu werfen: bei dem Soziologen Prof. Hans Joas, dem Heiligen Ignatius von Loyola und Papst Franziskus.

Hans Joas

Der Ausgangspunkt der Religionstheorie von Hans Joas, wie er sie in seinem Buch „Die Macht des Heiligen“ entfaltet, sind menschliche Erfahrungen. Gemeint sind aber nicht die alltäglichen Erfahrungen, sondern außeralltägliche Erfahrungen, jene also, mit denen der Mensch an bestimmten Punkten seines Lebens, ob gewollt oder nicht, „über die Grenzen ihres Selbst hinausgerissen werden“.[7]

Diese führt Joas weiter aus am Beispiel des Verliebens

„Man begegnet einer Person und wusste das gar nicht vorher, dass einem das heute noch passieren wird, sozusagen, und diese Person lässt einen nicht mehr los. Und wenn sich das weiterentwickelt zwischen den beiden Personen, tritt tatsächlich eine Veränderung des eigenen Selbst ein, eine Verlagerung des Zentrums der eigenen Lebensführung.“[8] Weiter bemerkt er, dass dieser geliebte Mensch wichtiger als der Liebende selbst werden kann.

Das Heilige wird erlebbar da, wo sich in der Situation außeralltäglicher Erfahrung, also in dem „über sich hinausgerissen Werdens“ notwendig starke Emotionen aufladen. Und zu den „Nebensächlichkeiten“ solcher außeralltäglichen Erfahrung sagt Joas: „Selbst triviale Objekte, die in einer solchen Situation eine Rolle gespielt haben, bleiben nicht trivial. Der Ort bleibt in Form szenischer Erinnerung im Gedächtnis, es bleiben Gerüche vielleicht, Objekte, der erste Abend in einem Restaurant mit dem geliebten Menschen und man findet irgendwann noch die Rechnung von diesem Restaurantabend, einen höchst trivialen Gegenstand. Und man spürt, man kann ihn nicht wegwerfen, weil er aufgeladen ist mit dieser intensiven Erinnerung an dieses außeralltägliche Erlebnis.“[9]

Dieses Heilige bei Joas könnte trivial erscheinen, allein schon in seiner „Darreichungsform“ des „herausgerissen Werdens“, gemessen an dem Heiligen im christlichen Verständnis.

Aber beide „Wahrnehmungen“ sprechen von dem Heiligen aus der Unverfügbarkeit seines Selbst, inmitten einer Welt.

Heilige Ignatius von Loyola

Dem Heiligen weiter auf der Spur, ergänzt durch einen zentralen Gedanken des Hl. Ignatius von Loyola: „Gott in allen Dingen finden!“ Von Gott, von dem Ignatius spricht, bekennt das zweite Hochgebet: „Ja, du bist heilig, großer Gott, du bist der Quell aller Heiligkeit.“ Für Ignatius sind die Dinge in dieser Welt nur deswegen greifbar, um in ihnen den „durchschimmernden“ Gott zu erkennen. Ignatianische Spiritualität sucht Gottes Spuren, das Heilige in den alltäglichen Verrichtungen unseres Lebens, in unseren Biografien. In dem „Zwischen“ in unseren Leben und „unseren Dingen“ geschieht das Heilige, ist Gott zu „ent – decken“.

Papst Franziskus

Papst Franziskus betont am Anfang seines Apostolischen Schreiben „Gaudete et exsultate“: „Es soll hier nicht um eine Abhandlung über die Heiligkeit gehen, mit vielen Definitionen und Unterscheidungen, die dieses wichtige Thema bereichern könnten, oder mit Analysen, die über die Mittel der Heiligung anzustellen wären. Mein bescheidenes Ziel ist es, den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen (…).[11] Den Klangkörper, in der Heiligkeit klingen kann, deutet der Papst so an:

„Irgendwann werden wir uns mit der Wahrheit über uns selbst konfrontieren müssen, um sie vom Herrn durchdringen zu lassen, (…).[12] Diese Konfrontation beschreibt der Papst mit den Worten von Carlo Martini: „Wenn man (nicht) auf einmal an den Rand des Abgrunds, der schwersten Versuchung gerät, ausgesetzt auf den Klippen der Verlassenheit, ausgesetzt auf einem einsamen Gipfel, wo man den Eindruck hat, völlig im Stich gelassen zu sein“.[13]

Über das Heilige sinniert Franziskus weiter: Es „impliziert nicht einen apathischen, traurigen, säuerlichen, melancholischen Geist oder ein schwaches Profil ohne Kraft. Der Heilige ist fähig, mit Freude und Sinn für Humor zu leben.“[14]

Die neue Kraft des Heiligen

Die Kraft des Gedankens von Hans Joas, das Heilige ist spürbar in außeralltäglichen Erfahrungen, in dem „über sich hinausgerissen Werden“, zusammengelegt mit dem Weckruf des heiligen Ignatius Gott, den allein Heiligen, „in allen Dingen finden zu können“; beide Gedanken konkretisiert auf den Einzelnen hin mit dem Gedanken von Papst Franziskus, „den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen“:

Diesen, aus drei Quellen gespeisten Erkenntnispfad durch das eigene Leben weiter verdichtet und erlebnisoffen zu gehen, ermöglicht: Persönlich ungewohnte Selbsterkenntnis, unterschwelliges Präsenzpotential des Heiligen in der Gesellschaft zu wecken und eine „neue“ Sicht auf die traditionellen Heiligen und das Heilige!

Vielleicht leben wir jetzt in der Zeit, in der sich der Kairos anbahnt, das Gefühl für das Heilige, das in den letzten Generationen über deren Sprachlosigkeit in das Unterbewusste der Gesellschaft versickert ist, „gereizt“ durch die Sehnsucht nach dem Heiligen der Menschen heute, wieder in die Sprachfähigkeit zu führen, und so dem Erleben des Heiligen das Wort zurückzugeben.

Gerade auch die katholische Kirche kann der Ort wieder werden, an dem auch für „kirchenferne“ Menschen die Sprachfähigkeit im Erleben des Heiligen neu erlernt werden kann.

Das kann die katholische Kirche nur erlebbar machen in der reduzierten Form ihrer selbst, in der das Heilige ohne den ganzen „Ballast“ der Kirche erlebbar wird: z. B. im Weihnachtsgottesdienst, im sakralen Raum; im Licht der Kerze bei der Gottesmutter; im Gespräch, das über die Gesprächspartner hinaus reicht; in der Ruhe eines Kirchgartens; in der Taufspendung, die persönlich, individuell und in Wertschätzung geschieht.

In der reduzierten Form ihrer selbst, also ohne ihren ganzen „Ballast“ bedeutet: dem Heiligen Raum geben, ohne alles unterschreiben zu müssen, was Kirche ist oder
zu sein vorgibt; ohne den ganzen Apparat, Kirche zu wollen, den Kirche selbst wie den Panzer einer Schildkröte trägt. Gott lässt das Heilige „er – leben“, um den Menschen Freude zu bereiten: Gaudete et exsultate, freut euch und jubelt!

Zurück-gelassen für die Zukunft

Reliquien tragen der Zukunft hinterher
was gestern auf das Schöne, Gute, Gläubige
und Heilige reduziert
vorgestern ein Mensch war
der zurück ließ
was Menschen heute
als Schatz in ihren Herzen bergen
um sich so zu verneigen
vor Überresten
die all das nicht mehr sind
was sie zu sein auch nie vorgaben

Reliquien aber machen nicht traurig

Die Visionslosigkeit der Menschen heute
Reliquien nicht mehr nötig zu haben
macht traurig
weil der Mensch vergessen hat:

Verehrung deutet Leben
das in der Verneigung die Gegenwart überdauert
und so des Menschen Blick weitet:
Reliquie für die Zukunft zu sein

 

Anmerkungen:

  1. Hans Kessler, Was bleibt vom Heiligen. In: Stimmen der Zeit, Heft 1 Januar 2019, S. 55.
  2. Im weiteren Textverlauf ist mit dem Begriff „heilig“, sowie „heiliggesprochen“ und weiteren Wortabwandlungen auch (wenn nicht ausdrücklich anderes angegeben) dessen Vorstufe, „selig“ und deren Wortabwandlungen mitgemeint.
  3. Im Unterschied zur Heiligsprechung (Kanonisation), die die Verehrung des Heiligen in der Kirche weltweit vorsieht. ist nach einer Seligsprechung (Beatifi kation) die Verehrung der betroffenen Person von der Kirche nur in einer begrenzten Region vorgesehen.
  4. Thomas Ruster. In: Eva-Maria Lerch, Die Boten des verlorenen Himmels. Publik Forum, Nummer 24, 21. 12. 2018, S. 52.
  5. Vgl.: https://www.heiligenlexikon.de/Grundlagen/Heilige_Verehrung.html (26.12.2018).
  6. Mit Papst Johannes Paul II. wurde auch der Konzilspapst Johannes XXIII. heiliggesprochen.
  7. Interview mit Hans Joas, durch Andreas Main, zu Hans Joas‘ Buch „Die Macht des Heiligen“. Suhrkamp Verlag, 2017, Deutschlandfunk, 19.10.2017.
    https://www.deutschlandfunk.de/hans-joas-diemacht-des-heiligen.886.de.html?dram:article_id=398429.
  8. Ebd.
  9. Ebd.
  10. Messbuch, Die Feier der Heiligen Messe. Für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Herder Verlag, 1984, S. 484.
  11. Papst Franziskus. „Freut euch und jubelt“, Schreiben „Gaudete et Exsultate„ Über den Ruf der Heiligkeit in der Welt von heute. Patmos Verlag, 2018, S. 21.
  12. A. a. O. S. 36.
  13. A. a. O. S. 36.
  14. A. a. O. S. 85.
Erschienen in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln, Osnabrück. J.P. Bachem Verlag GmbH. Mai 5/2019 150 ff.
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