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Das Reich Gottes bedroht das Leben?

Die beiden wollten heiraten, erinnere ich mich. Wir kannten uns aus der Hochschulgemeinde, hatten uns aber aus den Augen verloren. Ich traf die mutmaßliche Braut dann zufällig beim Einkauf an der Kasse.

„Wie geht es euch?“, fragte ich so zum Einstieg. Mit der Antwort zögerte sie. Vor dem Geschäft erzählte sie mir, dass sie nicht mehr zusammen seien, sie hatte sich von ihm getrennt. Meinerseits zögerte ich, aber dann kam die klassische Frage: „Warum?“ Sie antwortete: „Mit einem noch so geliebten Menschen, der aufgrund seines Glaubens jeden Tag mit der Wiederkunft Christi rechnet, kann ich nicht leben. Wie kann Familie geplant und Verlässlichkeit organisiert werden, wenn der Partner schon die Koffer für die Ewigkeit gepackt hat und nur noch auf das Taxi dorthin wartet? Ich habe es versucht“, erzählt sie weiter, „wir haben viel über seinen Glauben
gesprochen, aber ich habe es nicht gepackt.“

Sehr nachdenklich blieb ich zurück. War doch die Wachsamkeit in Verbindung mit dem kommenden Reich Gottes immer wieder Thema in der Verkündigung Jesu. Hat er doch selbst diese Spannung aufgebaut, als er sagte: „Wacht daher beharrlich, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde“ (Mt 25,13). Auch heute im Evangelium geht es um diese Wachheit, die Bereitschaft, die Ereignisse am Himmel und in der Welt richtig zu deuten, um bereit zu sein: Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!“ (Lk 21,36).

Gerade die Deutung der konkreten Zeichen der Zeit ist nicht so ganz einfach angesichts der vielen Naturkatastrophen. Bäche werden zu reißenden Flüssen, über 14 Meter hohe Wellen zerstören ganze Küstenregionen, Brände vernichten Wälder, Orkane ganze Landstriche. Und Lichter am Himmel gibt es kriegsbedingt in Europa auch. Alle diese Ereignisse wären im jungen Christentum vor knapp 2000 Jahren als Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft verstanden worden. Wir haben heute für diese Ereignisse nüchterne Erklärungen.

Werden zukünftig noch stärkere Katastrophen und der Einsatz von Atomwaffen für uns ein Zeichen sein? Sind von Menschen gemachte Katastrophen Zeichen Gottes?

Wie wird das Reich Gottes anbrechen? Ich habe keine Ahnung. Rechnen wir überhaupt noch mit seinem Anbrechen? Theologisch betrachtet wirkt das Reich Gottes
durch den Tod und die Auferstehung Jesu schon unter uns – aber wann kommt der „richtige“ Knall?

Vielleicht wird er vertrauter und beruhigender, wenn wir drei Worte des Vaterunser einfach öfters beten, bedenken, ins Gespräch bringen und zu Herzen nehmen und so uns selbst zwar nicht kleinreden, aber relativieren: „Dein Reich komme!“

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